Einst gefeiert, jetzt gejagt von politischen Gegnern, von Teilen der Medien, parteiinternen Kritikern, zum Teil sogar von ehemaligen Freunden. So ist meine Situation. Man frage mich bitte nicht, wie das auszuhalten ist."

Solche Sätze, sollen wir denken, notierte sich Helmut Kohl abends, deprimiert? In ein Tagebuch, von dem bis jetzt niemand wusste? "Ich bin zerrissen. Einerseits stehe ich im Mittelpunkt des ungeheuren Vorwurfs der Bestechlichkeit im Amt. Andererseits erinnere ich mich an die dramatischen Tage vor zehn Jahren, als wir rund um die Uhr gemeinsam und mit kräftiger Unterstützung unserer Freunde im Ausland das Tor zur deutschen Einheit aufstießen."

Das sind die intellektuellen Bögen, die er monatelang geschlagen hat, irgendwann nach den Tagesthemen und deren letztem Anfall von Medienhysterie?

Ein Mann muss weinen dürfen, schreibt Kohl. Und weint. Das Buch ist voll davon, voller Tränen. Und dennoch ist es kein trauriges Buch, es ist nämlich einfach kein "Tagebuch", es heißt bloß so. Der Autor sucht nicht, er hat schon gefunden. Er will sich nicht auf die Spur kommen, er will andere stellen. Am liebsten so wie den kleinen Eierwerfer, den berühmten Juso aus Halle, dem er an die Gurgel fahren wollte. Jetzt hat er ihn. Kohl an der Gurgel von Kurt Biedenkopf, Rita Süssmuth, Heiner Geißler, Richard von Weizsäcker oder auch den Industriebossen, diesen "Opportunisten". Emotion pur, ohne Filter. "Heiner Geißler beispielsweise wird seinen Hass mir gegenüber mit ins Grab nehmen. Das steht ihm ins Gesicht geschrieben."

Süssmuth und Biedenkopf? Jetzt können sie endlich "ihren Rachedurst stillen".

Weizsäcker? Das ist der Mann, der ihn "hinter meinem Rücken" bei den westlichen Freunden in Sachen Oder-Neiße-Grenze anschwärzte. Und unter den "Einfluss gewisser Kreise der evangelischen Kirche in beiden deutschen Staaten" hat er sich begeben. Dabei hat Weizsäcker alles ihm zu verdanken.

Dem Autor. Und was macht Weizsäcker? Kritisiert Kohl, weil Seilschaften dem CDU-Vorsitzenden den Weg nach oben gebahnt hätten. Das Tagebuch schlägt zurück: "Es ist schon erstaunlich, wie man sich über Abhängigkeiten und ,Seilschaften' auslassen kann und dabei sein eigenes Gedächtnis völlig ausschaltet." Will Kohl sagen, Weizsäcker sei Teil seiner Seilschaft gewesen und abgesprungen? Verrat? Oder will er sagen, Parteipolitik funktioniere nur mit Abhängigkeiten und Seilschaften? Wenn er da keine Differenz sieht, gibt er denen Recht, die argwöhnen, Kohl stehe nicht für den Parteienstaat, sondern für dessen Perversion.