Eine von Hollywoods heftigsten Affären in den neunziger Jahren war die mit dem Serienkiller. Einen ersten Höhepunkt hatte sie 1990 mit dem Schweigen der Lämmer, und seitdem konnte die Filmindustrie nie recht genug kriegen vom Flirt mit den heißkalten Mördern. Immer liebevoller gingen Drehbuchautoren daran, aufwändige Schlacht-Pläne zu erfinden, auf dass die Regisseure mit unverhohlener Faszination vor ihren dunklen Helden erschauerten, was sie auch taten in Werken wie Seven oder Copykill. Aus Mord wurde schließlich eine Art Konzeptkunst, und der Detektiv war der privilegierte Exeget eines leidenschaftlichen Projekts im öffentlichen Raum, entworfen von einer exzentrischen Seele. Auf dieser Wendeltreppe der Einfühlung wirkt das neueste Serienkiller-Produkt The Cell wie die nächste logische Stufe. Jetzt sind wir endlich richtig drin, mit der Kamera, im Kopf des Killers. Unter der Regie von Tarsem Singh haben amerikanische Wissenschaftler nämlich herausgefunden, dass sich speziell trainierte Therapeutinnen mithilfe einer High-Tech-Apparatur frei im Unterbewusstsein anderer Menschen herumtreiben können. Bald muss sich eine geschulte Schöne (Jennifer Lopez) in die Höhle des Löwen abseilen: in den aufgewühlten Geist eines komatösen Killers. Daraus soll sie den Aufenthaltsort seines letzten, noch (!) lebenden Opfers hervorkitzeln - ein verdammt gefährliches Spiel, wie man sich denken kann.

Zugleich ein fragwürdiges Fest für das Set-Design, das die Fantasien des Mörders aussehen lässt, als hätte man einen schlechten LSD-Trip von Fellini nachträglich digital durchstylen lassen. Und was findet sich ganz hinten im Schädel, im Albtraummärchenland? Ein kleiner Junge mit viel Angst. Was für eine Überraschung. Vielleicht kann Hollywood jetzt endlich die Affäre abbrechen. Wenn die filmische Psychoanalyse schon bis in die letzte Gehirnwindung reicht, dann geht es mit der aufgeputschten Erotik des Bösen hoffentlich bald dem Ende entgegen.