Dave Douglas ist ein sensibler Mann: Beim Interview in einem Wiener Hotel entwirft er seine Vision vom Komponieren in Zeiten des Musiküberflusses. Doch plötzlich wird seine Rede brüchig, stockt der Ideenfluss. "Ich mag alle möglichen Formen von Musik", sagt Douglas, "das geht sehr tief in meine Seele. Und gerade jetzt, in diesem Moment, fällt es mir schwer, darüber zu sprechen, denn die Musik, die hier im Restaurant gespielt wird, ist sehr aufdringlich, und ich kann sie nicht ausschließen."

Unserer Bitte, den Fahrstuhlsound etwas leiser zu drehen, kommt die Dame am Empfang nur mürrisch nach. Nicht ohne den Hinweis, dass dies eigentlich verboten sei, weil nun die Atmosphäre für die ankommenden Gäste nicht mehr stimmen würde. Dave Douglas lächelt maliziös: "Ja, ja, Musik ist für die Menschen sehr wichtig."

Für ihn selbst ist sie nicht nur wichtig, sondern lebensentscheidend: Der Krafttrompeter und Multikomponist überschwemmt die Jazzszene seit den mittleren neunziger Jahren mit einer Vielzahl von CDs und Musikprojekten.

Darunter das Tiny Bell Trio, das einen hoch verdichteten, energiegeladenen Meta-Balkan-Jazz spielt. Das Kammermusikensemble Charms Of The Night Sky mit dem neuromantischen Akkordeon von Guy Klucevsek und einem matt glänzenden morbiden Sound für schattige Séparées. Dann gibt es noch ein Quartett, ein Sextett und ein Ensemble, das Dave Douglas speziell zusammengestellt hat, um der Musik der großen, aber fast völlig in Vergessenheit geratenen Jazzkomponistin Mary Lou Williams zu huldigen. Und, als sei dies noch nicht genug, liefert er sich im Quartett Masada hitzige Improvisationsduelle mit dem Altsaxofon von John Zorn, dem Gottvater aller musikalischen Querdenker.

"I've got a full plate", meint Dave Douglas. Um einen solchen Terminkalender zu managen, muss man zum Buchhalter des eigenen Lebens werden. Und wer den Komponisten nur nach seinem Aussehen beurteilte, würde ihn eher der mittleren Führungsebene einer Anwaltskanzlei in Midtown Manhattan zuordnen als der Boheme: kurz geschorenes schütteres blondes Haar, ein Allerweltsgesicht, leichter Bauchansatz.

Dave Douglas hat nichts vom finsteren Glamour eines Miles Davis, von der Exzentrik eines Thelonious Monk oder von der Hyperkinetik eines John Zorn. Er wirkt ruhig, kontrolliert, denkt lange nach. Doch wenn er spricht, sind seine Gedanken tief und seine Worte druckreif: "Komponieren ist für mich ein sehr schwieriger Prozess. Es hat mit Selbsterforschung zu tun und mit dem Versuch, bis auf den Boden der Existenz zu gelangen. Und vielleicht macht man dann die Entdeckung, dass das Wesen der Existenz die Leere ist. Wie entwirft man auf dieser Basis Elemente einer Musik, die ehrlich und authentisch ist? Und anders als all die anderen Dinge, die man schon hören konnte?" Seine Projekte sind der Versuch, die Lücke zwischen der Leere und dem Klischee zu finden. Er ist ein Mann, der nicht nach außen, sondern nach innen explodiert. Seine Kompositionen zerfallen in eine Vielzahl von Themen, Genreanspielungen, Improvisationskürzeln, die sich zu- und gegeneinander drehen wie die Teile eines Alexander-Calder-Mobiles. Kaleidoskopische Musik, trügerisch einfach an der Oberfläche, verwirrend, in der Tiefe der Struktur. Zum Beispiel A Thousand Evenings, das neue, gerade erschienene Opus von Charms Of The Night Sky: Abstrakte Pizzikati, die an ein Stück von Anton Webern erinnern, gehen fast unmerklich in eine simulierte Csárdás-Melodie über.

Wenn du ein mittleres Tempo spielst, ist das Publikum weg