Die Neue Welt kriegt aber auch alles hin. Es gibt in Los Angeles, man glaubt es nicht, ein Haus mit Namen Sunset Hall, das 1934 eröffnet wurde: ein Altenheim für Freidenker. Freidenker? Das waren damals und sind noch heute radikale Linke, die es mit Marx und Lenin halten und, wenn sie alt und pflegebedürftig geworden sind, nicht unter die Dummbeutel fallen wollen. In Seniorenheimen, denkt man, reden sie alle von vergangenen Geniestreichen und gegenwärtigen Gebrechen. Nicht so in Sunset Hall. Hier wird diskutiert, politisiert. Beim wöchentlichen Treffen in der Bibliothek ist "die Situation in Österreich" dran. "Was ist die Rolle der europäischen Länder?" Nehmen sie Haider ernst? Hitler hat auch klein angefangen. Dann kommt die US-Wahl dran.

Jeder hat was zu sagen, alle waren (und sind) politisch aktiv. Zwischen 80 und 100 sind sie alt, die Freidenker von Sunset Hall.

Lucille Alpert, 94, nennt sich einen "News Junkie". Für Shows und Seifenopern hat sie kein Interesse, aber wenn sie eine Nachrichtensendung versäumt hat, ist das für sie wie ein Loch im Kopf. Lea Tessier, 88, ist Pianistin und Kommunistin und noch längst nicht am Ende ihrer Utopie. Frank Weltmann, 90, Marxist, erklärt gerne, warum der Kapitalismus ein Unheil ist. Sie alle eint die Erinnerung an McCarthy und seinen Feldzug gegen antiamerikanische Umtriebe, für sie ist das gestern gewesen und immer noch Gesprächsstoff.

Uli Aumüller und Annelie Runge haben einen klugen, zarten und heiteren Film über die Senior-Lefties gemacht, Alt und radikal in L.A.: Im weichen kalifornischen Licht spricht ein ganzes Jahrhundert unbeirrt, fast feierlich und mit sanfter Intonation von seinen großen Kriegen, Verbrechen und Verfolgungen

nichts daran ist bloße Rückschau, alles auf das Heute bezogen.

Wer auf die 100 zugeht, braucht mal Medizin und beim Einkauf Begleitung

man sieht die alten Leute auch bei ganz privaten Verrichtungen