Ägypten brachte ihn ums Gleichgewicht. Erschöpft, überwältigt schreibt Rilke nach acht Tagen Nilfahrt aus Luxor: "Ich hatte bei dem liegenden Ramses ... schon das Gefühl, ich könnte umkehren, jetzt ist es längst zuviel, und man muss fleißig Arabisch lernen und sich auf Eseln unglücklich fühlen, um des Gleichgewichts willen." Er litt und lernte. Auf einer Bootsfahrt zogen die Mienen der Ruderer ihn an, und stießen ihn wieder ab, als sie sich unterm beobachtenden Touristenblick in "alberne Bakschischgesichter" zurückverwandelten. Nur einer, der das Rudern mit Liedern begleitete, schien dem Lyriker seelenverwandt. "Während seine Umgebung sich immer wieder mit dem greifbaren Nächsten einließ und es überwand, unterhielt seine Stimme die Beziehung zum Weitesten, knüpfte uns daran an, bis es uns zog." Rilke verstand und "begriff in dieser Erscheinung die Lage des Dichters".

Die Reise verlief nicht gut: Rilke trennte sich von der Reisegefährtin O. J., wurde krank, und mehr als vier Zeilen Unvollendetes kam nicht zustande. Als er im März 1911 nach gut viereinhalb Monaten nach Europa zurückkehrt, beginnt er "ägyptologische Studien", das altägyptische Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele hat es ihm angetan, erst zehn Jahre später kommen die ägyptischen Erfahrungen zurück, tauchen auf in den Duineser Elegien. Der Jüngling und die junge Klage begegnen auf ihrer Totenwanderung der Sphinx: "Und sie staunen dem krönlichen Haupt, das für immer / schweigend der Menschen Gesicht / auf die Waage der Sterne gelegt" (10. Elegie). Und in den Sonetten an Orpheus fand er selbst "sehr weit Herstammendes geformt.

Wesentliches aus dem ägyptischen Erlebnis ... Ich will, oder vielleicht kann ich mehr nicht sagen ..." (1922 an Katharina Kippenberg).

Zwei Bücher führen zurück, nicht ins Ungeklärte der Inspiration, sondern an den Ort ihrer Entstehung. Das eine, Alfred Grimms Rilke und Ägypten, ist 1997 bei Wilhelm Fink erschienen und leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Grimm hat von Rilke und seiner Frau Carla alle Textquellen mit Ägyptischem - Briefe, Prosa, Gedichtauszüge - zusammengetragen. Anhand zeitgenössischer Pauschalreisepläne hat er die Unternehmung von 1910 rekonstruiert und das, was Rilke gesehen haben könnte, mit Landschaftsfotografien von Hermann Kees aus den zwanziger Jahren vorstellbar gemacht.

Gemessen an diesem Kolossal-Epitaph der bedeutsamen Reise, nimmt sich das von Horst Nalewski just zu Rilkes 125. Geburtstag am 4. Dezember veröffentlichte Insel-Taschenbuch Reise nach Ägypten bescheiden aus. Die so sorgfältig zu den Gedicht- und Tagebuchauszügen Rilkes ausgesuchten Ägyptenfotografien sind reduziert zum Identitätsnachweis. Rechts liest man zwei Strophen aus den Sonetten an Orpheus, in denen es heißt: "die Säule, die Säule, die fast ewige Tempel überlebt." Und nebenan das Foto bestätigt: Die Säule des Taharka hat überlebt. So werden Gedichte Bildunterschriften, Rilke nützlich als "Reiseverführung".

Rainer Maria Rilke: Reise nach Ägypten Hrsg. von Horst Nalewski Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2000 168 S., Abb., 15,90 DM