Eines Tages kommt den meisten Kindern der schreckliche Verdacht, diejenigen, die sich Mutter und Vater nennen, seien gar nicht die wirklichen Eltern. Man malt sich dann aus, man sei in Wahrheit ein Findelkind, von fahrendem Volk ausgesetzt und nur widerwillig adoptiert von diesen Leuten, die einen nun offenbar nicht länger haben wollen. Dies ist ein Albtraum, den viele Kinder träumen, ein Archetyp, wie die Psychologen sagen. Das Muster hat etwas mit Abgrenzung und Individuation zu tun, mit dem schmerzhaften Ende der Eltern-Kind-Symbiose.

Auch Hedy Epstein, eine der Protagonistinnen des atemberaubenden Dokumentarfilms Kindertransport hat einst mit solchen Schrecken ringen müssen. "Ich bin in Wirklichkeit ein Zigeunermädchen, und jetzt wollt ihr mich loswerden", warf sie ihren Eltern an den Kopf, als diese ihr im Mai 1939 im badischen Kippenheim von der schönen Stadt London erzählten, in der sie bald leben würde. Der Kinderalbtraum sollte für sie zur Wirklichkeit werden: Am 18. Mai 1939 wurde Hedy Epstein von ihren Eltern in Frankfurt in einen Zug gesetzt, der sie in eine andere Welt bringen sollte. Durch die Fröhlichkeit, die ihre Eltern noch auf dem Bahnsteig zur Schau trugen, fühlte Hedy sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Erst als dann schließlich doch die mühsam aufrechterhaltene Fassade zusammenbrach und die Eltern ihren Tränen freien Lauf ließen, zerstoben die Verschwörungstheorien des kleinen Mädchens.

Sie wusste nun, dass man sie aus Liebe wegschickte. Aber was macht man mit diesem Wissen? Erst Jahre später, sagt Hedy Epstein, konnte sie begreifen, dass ihre Eltern ihr an diesem Tag zum zweiten Mal das Leben geschenkt hatten, indem sie sie in fremde Hände gaben.

Hedy Epstein gehört zu den etwa 10 000 vorwiegend jüdischen Kindern, die 1938/39 in einer neun Monate andauernden Rettungsaktion aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei herausgeholt werden konnten. Mit dem Kriegsbeginn kamen diese "Kindertransporte" zum Erliegen. Der abendfüllende Dokumentarfilm von Mark Jonathan Harris, der jetzt diese wenig bekannte Episode aus der Zeit vor dem großen Morden erstmals für ein breites Publikum aufbereitet, setzt dem schlichten Anstand des britischen Volkes endlich das verdiente Denkmal. Kein anderes Land war damals dem Beispiel Großbritanniens gefolgt, wie die Aktivisten vergeblich gehofft hatten. Nur England fand sich bereit, unbürokratisch und großherzig das Selbstverständliche zu tun, das damals schon das Unwahrscheinliche war.

Die Rettung als Ausnahme und als großes Abenteuer

Bewundernswerterweise kommt Harris bei diesem vergangenheitspolitischen Akt ohne jeden Pomp aus. Es gibt hier nichts zu feiern, auch wenn die Geschichten, die von zwölf Überlebenden erzählt werden, naturgemäß Geschichten der Rettung sind. Wer solche Geschichten erzählt, muss sich von ideologiekritischen Beobachtern meist allerhand sagen lassen: Man hält ihm, wenn es glimpflich zugeht, mindestens vor, die Zuschauer angesichts des namenlosen Schreckens der Schoah durch ein Happy End entlasten zu wollen.

Steven Spielberg hat sich anlässlich von Schindlers Liste allerlei Einwände dieser Art anhören müssen. So plausibel und so ehrenwert kompromisslos solche Kritik auf den ersten Blick daherkommt - könnte es vielleicht sein, dass man es dabei mit einer sehr subtilen Form von Abwehr zu tun hat?