Die jungen Herren kommen zum Wettbewerb mit Liszt, Prokofiew und Chopin.

Im Kopf krempeln sie schon die Ärmel hoch, gleich werden sie schwerste Akkorde stapeln, werden sie 100-Meter-Läufe auf der Klaviatur in Rekordzeit hinlegen, Schweiß wird auf die Tasten fließen und Aquaplaning erzeugen. Doch die jungen Herren sind tapfere Ritter, griffsichere Mechaniker, robuste Handwerker. Die Jury wird ins Grübeln und Schwitzen kommen.

Dann tritt Anna Gourari auf. Unter den Virtuosen ist die junge, in Kasan geborene Russin eine Außenseiterin, sie spielt Beethovens 3. Klavierkonzert c-moll, und sie musiziert es ernst, versunken. Schon aus dem Anfang macht sie ein kleines Wunder - ein paar Dreiklangstöne, wie ein Vorhang gewebt, hinter dem ein stilles Paradies wartet. Sie trägt das Stück mit scheuer Stimme wie eine Novelle vor, verbündet sich mit dem Orchester, lauscht aufmerksam den Holzbläsern, sagt niemals gegen sie aus. Man fühlt sich an die junge Clara Haskil erinnert. So gewinnt Anna Gourari den Düsseldorfer Clara-Schumann-Concours. Der Saal ist erleichtert, denn er hat ein ungewöhnliches Talent siegen gehört. Das war 1994.

Individualität statt zirzensischer Kampfeslust

Ein Sieg in einem prominenten Wettbewerb bringt junge Pianisten in eine neue Umlaufbahn, zu namhaften Orchestern, Schallplattenverträgen, Tourneen. Die Frage ist, wie umsichtig sie mit den neuen Möglichkeiten umgehen. Anna Gourari (Jahrgang 1970), die in München lebt und bei Ludwig Hoffmann und Gitti Pirner studierte, hat sich nicht zu Eskapaden hinreißen lassen, sondern ist beharrlich ihren Weg gegangen. Ihre jüngsten CD-Veröffentlichungen sind denn auch eher kostbare als kampfeslustige Nachweise pianistischer Individualität: Zunächst brachte sie mit faszinierender, gleichsam verhangener Präzision einige Préludes von Alexander Skrjabin heraus (für die sie den Echo-Klassik-Preis als beste Nachwuchskünstlerin bekam), kürzlich nahm sie sich behend und seriös der beiden seltsamen Klavierkonzerte für die linke Hand von Richard Strauss an. Urgestein der Literatur ist das nicht. Ein Glück.

Solche Konsequenz verbindet Anna Gourari mit zwei weiteren Pianistinnen ihrer Generation, die in Deutschland sozusagen auf leisen Saiten Furore machen: mit der staunenswerten Bach-Interpretin Ragna Schirmer (geboren 1972 in Hildesheim) und der erlebnishungrigen Avantgarde-Spezialistin Susanne Kessel (geboren 1970 in Bonn). Schirmer, Schülerin von Karl-Heinz Kämmerling, Bernard Ringeissen und Tatjana Nikolajewa, gelang das Kunststück, gleich zweimal den begehrten Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig zu gewinnen. Die Materie Bach scheint ihr dermaßen zum Integral ihres pianistischen Lebens gereift zu sein, dass sie in Leipzig das Double riskierte - und nach dem ersten Sieg von 1992 sechs Jahre später abermals gewann. Eine Hasardeurin? Ihr Bach klingt gänzlich unaufgeregt und ökonomisch. Hört man ihre Aufnahme der Goldberg-Variationen, ist man überwältigt von einer innerlich glühenden, lyrisch erfühlten Interpretation.

Thomas Bernhard hat in Der Untergeher das Psychogramm eines aufstrebenden Pianisten entwickelt, den die Existenz des Titanen Glenn Gould und dessen Einspielung der Goldberg-Variationen in den Selbstmord treibt. Jenseits solcher romanesken Überspitzung ist Gould auch heute noch für viele Bach-Interpreten Skylla und Charybdis zugleich: Aufforderung zu extremem Gegenkurs oder gefährlicher Magnet. Ragna Schirmer hat den Lockungen beider Pole widerstanden und einen eigenständigen Pfad gefunden: sonnenhelle, sachliche Poesie. Sie achtet präzise auf den Gleichgewichtssinn der Linien, auf streng kameradschaftliche Führung in den Kanon-Gängen, auf scharfe Durchsichtigkeit in fugierten Passagen. Zum Etüdenhaften verkommt ihr Spiel dabei nicht, im Gegenteil: Sie wölbt die kleinen Variationen zu zarten, periodisch sich entwickelnden Charakterstücken. Musikalische Diskretion, die viel für Schirmers Zukunft verheißt.