Noch ein Beitrag zum vergangenen Jahrhundert! Die schönste aller Musen bringt sich zu Gehör: Musik in Deutschland 1950-2000. Ein Großunterfangen, eine editorische Kraftanstrengung, die allein ihres schieren Umfanges wegen vorab mit dem Echo-Klassik-Preis (mit dem die Industrie sich selbst feiert) behängt wurde. Auf 150 CDs mit Neuer Musik soll die Sammlung bis zum Jahr 2007 anschwellen. Die zweite Welle rauschte gerade heran, eine 6-CD-Box mit sinfonischer Musik aus der Rubrik Musik für Orchester (Herausgegeben vom Deutschen Musikrat in Verbindung mit zahlreichen Rundfunkanstalten und Verlagen, RCA 73514-73519). Hans Werner Henze wird darin als Großsinfoniker gefeiert - obwohl seine Werke seit dreißig Jahren bestens dokumentiert sind.

Bernd Alois Zimmermann hingegen, dessen bahnbrechende Orchesterwerke in den sechziger Jahren entstanden, taucht nur mit seiner Sinfonie in einem Satz von 1951 auf. Wenn das OEuvre eines Komponisten zugleich das Fotoalbum seines Lebens wäre, dann sähen wir Zimmermann auf diesem Bild, wie er einer Meisterkommission sein Prüfungsstück überreicht. Schieflagen, Verzerrungen, wohin man blickt. Die achtziger Jahre sind vertreten mit Dieter Schnebels Sinfonie-Stücke, der Sinfonie Nr. 3 von Manfred Trojahn, der Sinfonie Nr. 5 von Günter Kochan und Helmut Lachenmanns Staub. Lachenmann, der einzige Vertreter der sinfonischer Denker, die mit dem Zauberkasten Orchester etwas anderes anzufangen wussten als das Ausmalen verschlissener Formen, trifft auf einen Komponisten (Kochan), der Spätimpressionismus filmmusiktauglich mit großorchestraler Wuchtigkeit paart. Manfred Trojahn repräsentiert die damalige mahlerverliebte Jugend, der dann das Etikett "Neue Einfachheit" angehängt wurde. Und Schnebel wurde durch seine musikszenischen Arbeiten bekannt, die Sinfonik ist bei ihm ein Altersphänomen. Es regt sich der Verdacht, dass die Editoren sich allzu ängstlich an Stücktitel geklammert haben. Sinfonische Musik nach 1945 ist entschieden mehr als nur "Sinfonie".

All die Neuerer und Sucher, die in diesen fünf Jahrzehnten anders lautende Titel für ihre anders klingende Musik wählten, fallen durchs Raster. Die Texthefte bieten nicht einmal die biografischen Rahmendaten, stattdessen allgemeinästhetische Ableitungen, die sich nur mit viel Fantasie auf die Stücke beziehen lassen, die wiederum unvermittelt collagiert werden mit Der-Komponist-erklärt-sich-selbst-Prosa. Aber Dokument-Charakter lässt sich der CD-Edition mit geschätzten 800 Stücken sowieso nicht zusprechen. Vertan auch die Chance, die Stücke untereinander zu vergleichen, thematische Fäden auszuspinnen oder auf Gemeinsamkeiten und Divergenzen aufmerksam zu machen.

Gut die Hälfte der Aufnahmen ist zudem auf dem Markt bereits erhältlich. Die Sammlung geleitet den Suchenden also in ein Labyrinth von Werken, doch statt eines Ariadne-Fadens hält er nur in Händen, was Boulez einmal "Das Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt" nannte.