Noch warnt die Deutsche Bank vor dem Neuen Markt. "Doch bald können sich Investitionen wieder lohnen", schreibt sie der vermögenden Kundschaft in ihrem Hausmagazin. Zu den empfehlenswerten Aktien am Tag X dürfte die ostdeutsche Lintec Computer AG zählen. Das IT-Unternehmen aus Taucha hat sich jüngst an der Börse gut geschlagen. So schnitt Lintec in diesem Jahr mit einem Kursanstieg von 20 auf derzeit rund 35 Euro ungleich besser ab als der Neue Markt im Ganzen, der jetzt niedriger bewertet ist als zu Jahresbeginn.

Andererseits steht der Lintec-Aktienkurs heute auf einem Niveau, das er Anfang 1999 schon einmal erreichte, als der Börsenwert steil nach oben schoss, dann aber wieder absackte.

Die Erfolgsgeschichte begann mit dem Ende der DDR. 1990 machte sich der Mathematiker Hans Dieter Lindemeyer nahe Leipzig mit einer Soft- und Hardwarefirma selbstständig. Am Anfang verkaufte das Einmannunternehmen stinknormale PCs. Aber schon bald gründete Lindemeyer zwei Tochtergesellschaften in Halle und Arnstadt, und seine Computer wurden individueller. Mit Unterstützung des Freistaates Sachsen entwickelte Lintec einen leicht zu bedienenden PC insbesondere für ältere Menschen, die sich noch nicht mit Computern beschäftigt haben - eine Zielgruppe mit hohen Zuwachsraten.

Auch ein je nach Kundenwunsch modular zusammengebautes Notebook gehört längst zum internationalen Programm des Unternehmens. Zudem sind für den kleinen Konzern mittlerweile komplexe Softwarelösungen immer wichtiger geworden. Dazu gehören die drahtlose Informationsübertragung zwischen Computer und Drucker sowie Programmierwerkzeuge für Softwareschmieden und die digitale Bearbeitung von Fotos. Das Geschäftsmodell: "Alle Leistungen aus einer Hand."

Trotz mäßiger Branchenkonjunktur bei PCs konnte Lintec seinen Umsatz 1999 verdreifachen und im ersten Halbjahr 2000 verdoppeln. Die DG Bank erwartet in einer Kurzanalyse "weiteres starkes Wachstum" und sieht in den nächsten sechs Monaten ein Kurspotenzial von plus 15 Prozent. Friedrich Schellmoser, Analyst der HypoVereinsbank, rechnet bei Lintec weiterhin mit einem besseren Abschneiden als beim Nemax-50-Index. Schellmoser hatte Lintec begleitet, als die Aktie im Jahr 1998 am Neuen Markt eingeführt wurde. Er glaubt an das Gespür des Gründers, der bis heute Mehrheitsgesellschafter ist. Zusammen mit seinem Vorstand hält Lindemeyer 58 Prozent des Kapitals. Der Rest wird frei gehandelt.

Die unbestrittene Qualität des Managements könnte jedoch beim angestrebten schnellen Wachstum zum Problem werden. Schon heute pflegt Lindemeyer einen 16- bis 18-stündigen Arbeitstag. Auf Dauer machen dies längst nicht alle Manager mit. Unterdessen steht Kapital für die Expansion bereit, und ein Programm zum Rückkauf eigener Aktien "für die Akquisition größerer Unternehmen" ist bewilligt. Solche Ideen wecken Kursfantasien, müssen jedoch vom ausgelasteten Management geschultert werden.

Mit der Mitteldeutschen Venture Capital AG (MVC) hält sich Lintec einen eigenen Wagnisfinanzier, der Kapital und Know-how für junge IT-Unternehmen bereitstellt. "Wir züchten unseren Nachwuchs selbst", heißt es bei Lintec - oder es wird später am Börsengang der eigenen Brut kräftig verdient.