Wenig Erfolg mit der deutschen Leitkultur hat FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Erst wollte er sich über das Thema lustig machen, indem er einen fiktiven Text Thomas Manns zur "Leit-Cultur" druckte. Der Versuch glückte nicht ganz und brachte Schirrmacher den Vorwurf ein, nun entdecke etwas verspätet auch die Frankfurter Allgemeine den Borderline-Journalismus des Tom Kummer. Also suchte der Feuilletonchef einen (etwas ungewöhnlichen) Befürworter der Leitkultur und hob vergangenen Samstag einen langen Essay des amerikanischen New-Economy-Predigers Jeremy Rifkin ins Blatt. Jeremy Rifkin plädiert für eine deutsche Leitkultur, ließ Schirrmacher ganz oben auf Seite eins titeln. Montag war alles wieder ein wenig anders, und in einer versteckten Berichtigung teilte Rifkin mit, er plädiere "keinesfalls für eine deutsche Leitkultur". In 15 Zeilen legte die FAZ dar, dass sie einen ihrer neuen Lieblingsautoren offenbar völlig falsch verstanden hat. Wunderbar ist vor allem der Satz, Rifkin lege großen Wert auf die Feststellung, "dass die Überschrift ... von der Redaktion stammt". Das sollte für Überschriften nämlich immer gelten - und ist nicht selten ein Quell des Unfriedens (siehe S.48, Leserbriefe).

In puncto Helmut Kohl hat niemand so exklusive "Exklusivgeschichten" wie die Welt. Und das sollen auch alle merken: Mit rührenden Superlativen ("Schlüsselroman", "eines der wichtigsten Bücher") versuchten Welt am Sonntag und Welt den Abdruck des offenbar nachträglich verfassten Kohl-Tagebuchs zur Welt-Sensation hochzuschreiben. "Wunder gibt es immer wieder", freute sich Elmar Krekeler in einer Art Tagebuch-Werbeausgabe der Samstagsbeilage Die Literarische Welt. Mit Sorge denkt man an die für 2003 angekündigten Memoiren Kohls und den baldigen Abschied des Bild-Chefredakteurs Udo Röbel: Dass von Berliner BZ, über Berliner Morgenpost, Welt und Welt am Sonntag alle Springer-Blätter das laue Protokoll zum Aufmacher erheben - nur Bild und Bild am Sonntag nicht, das wird es mit Kohl-Biograf Kai Diekmann als neuem Chef kaum mehr geben.

Und wo bleibt das Positive? Hier. Die taz wird doch nicht eingestellt, meldete das Blatt in einer Zwischenbilanz ihrer Rettungskampagne. Das Ziel (50 000 Abos) sei allerdings noch lange nicht erreicht, daher wird auch an Einsparungen bei den Personalkosten gedacht. Man darf weiter gespannt sein, wie sich taz-Chefredakteurin Bascha Mika vor ihrer Ankündigung rettet, im Falle betriebsbedingter Kündigungen werde sie die Erste sein, die geht. Eine spätere Interpretation lautete, das beziehe sich nur auf die Redaktion. Nun werden fieberhaft solche Redakteursstellen gesucht, deren Inhaber freiwillig gehen wollen und die man nicht unbedingt wiederbesetzen muss - um das Wort "Kündigung" zu vermeiden.

Thomas Schuler (offline@zeit.de)