Gegen Morgen", notiert Kurt Biedenkopf in seinem kürzlich veröffentlichten Tagebuch aus der Wiedervereinigungszeit unter dem Datum des 12. September 1990, "gegen Morgen hatte ich einen merkwürdigen Traum. Wir wohnten in unserem Haus am Chiemsee

der Garten war ähnlich wie in Wirklichkeit, aber weitläufiger. Am hinteren Gartentor standen einige Menschen brauner Hautfarbe. Sie hatten das Tor geöffnet, zögerten aber, in den Garten einzudringen. Plötzlich kamen weitere Menschen in weißen Gewändern, zum Teil mit Turbanen oder weißen Kopfbedeckungen. Sie warfen Abfall in den Garten, zum Teil in zerbeulten Behältnissen. Eines dieser Behältnisse flog in die Nähe des Hauses und fing an zu brennen. Die Menschen fingen an, in den Garten einzudringen. Ihnen voran kam ein kräftiger, groß gewachsener Mann mit weißem Turban und weißem Gewand auf mich zu. Er hielt einen schweren Gegenstand in der Hand, mit dem er mich offenbar angreifen wollte."

Ein Albtraum, eine Angstfantasie. Der sie durchlitten, aufgeschrieben und publiziert hat, in einem Buch, das sonst kaum Einblicke in die Gemütsverfassung seines Autors erlaubt, mag Deutschlands geistesschärfster, am wenigsten provinzieller Politiker sein. Biedenkopf liefert denn auch sogleich eine vernünftige Erklärung für seine nächtliche Vision: "Ich habe in der Vergangenheit viel über die Gefahr eines Einwanderungsdrucks aus dem Süden auf Europa gesprochen. Dies war wohl eine Umsetzung dieser Gedanken in Bilder." Wirklich? Man muss kein Tiefenpsychologe sein, um es sich genau umgekehrt zurechtzulegen - dass nämlich die Sorge um den Einwanderungsdruck eine Umsetzung von Bildern in Gedanken sein könnte, dass also zuerst ein instinktives Bedrohungsgefühl und dann das gegenwartsdiagnostische Problembewusstsein da war. Es ist ein irritierendes Schauspiel, wie hier auf einmal der Vorhang der Rationalität zerreißt und die Sicht auf eine recht unruhige vorpolitische Seelenlandschaft freigibt.

Es geht nicht um Gartenzwerge mit Pickelhaube

Zu den Ärgernissen in der Debatte über die "Leitkultur" gehört es, dass Freunde wie Feinde des Begriffs es sich zu leicht machen. Die Leitkulturprotagonisten heucheln, wenn sie ihrem Schlagwort nachträglich einen vollkommen harmlosen, aufgeklärten Sinn geben und lediglich Sprachkenntnis und Rechtsgehorsam darunter verstanden wissen wollen. Ihre Kraft zieht die Parole aus anderen, nicht ganz so taghellen Zonen - aus dem schon etwas dämmrigeren Reich konkurrierender "Werte" oder, noch dunkler, aus gleichsam verhaltensbiologischen Aversionen gegen Fremdheitssignale wie die ominösen Turbane in Biedenkopfs Traum. Daher ist es freilich auch töricht, wenn die Gegenseite das Thema als folkloristische Marotte abtut, nach der Art von Joschka Fischers Frage, ob Entenhausen nun zur deutschen oder zur amerikanischen Leitkultur zähle. Es geht nicht um Gartenzwerge mit Pickelhaube, die Sauerkraut und Eisbein essen. Es geht um kollektive Selbstbehauptungsbedürfnisse, die ebenso tief ins Unterbewusste hinabreichen wie weit über die deutschen Grenzen hinaus.

Schaut man auf die Landkarte oder in die Nachrichten, so scheint dies eher eine Zeit der Trennungen als des Miteinanders zu sein. Was sich im Nahen Osten vollzieht, ist, wie blutig und umwegig auch immer, ein Scheidungsprozess. Die Palästinenser streben nach einem souveränen Staat, manche israelischen Strategen wollen die Autonomiegebiete enklavenhaft abschnüren - auf Separation läuft es so oder so hinaus. Ähnlich auf dem Balkan. Von einem funktionierenden multiethnischen Kosovo, was das erklärte Ziel der Nato-Angriffe gewesen war, kann keine Rede sein. Bei den Wahlen in Bosnien haben sich die Landesteile noch immer überwiegend für ihre Volksgruppenparteien entschieden. Serbien mag demokratisch werden, wird aber jedenfalls sehr serbisch bleiben. Die kosmopolitischen Reiche der Habsburger und der Osmanen liegen in ferner Vergangenheit, eine Integrationspolitik nach Brüsseler Muster liegt in ungewisser Zukunft

einstweilen herrscht der Nationalismus.