Zuerst kommt immer der Zucker hinein. Dann, wenn der Barmann sich das winzige Tässchen von dem dampfend heißen Abtropfgestell schnappt. Bevor der Kaffee aus dem Röhrchen sickert. Nur so kann das, was da Tropfen um Tropfen in der Maschine langsam, heiß und dickflüssig aufsteigt und sich in einem noch heißeren, schneller und dünnflüssiger rieselnden Strahl frisch gefilterten Kaffees verwandelt, mit dem weißen Pulver verschmelzen, das einen Großteil der winzigen weißen Tasse füllt ... Nur in Neapel wird so verfahren.

Wünscht man wenig oder gar keinen Zucker, muss man den Barmann vor seiner ersten Bewegung abfangen ..."

Kann man Neapel, kann man den italienischen Süden, kann man die Camorra und die Heroingeschäfte mithilfe der neapolitanischen zuckersüßen Espressozubereitung deuten? Lassen sich die tausend Seiten juristischer Ermittlungen gegen die Mafia aus der Wahren Geschichte Italiens, herausgegeben vom ehemaligen Chefermittler Palermos, Gian Carlo Caselli, unter Verwendung althergebrachter Kochbücher zu einem literarischen Leckerbissen umschmelzen? Peter Robb, Australier, 15 Jahre Dozent und Journalist in Neapel und Palermo, hat es versucht - und es ist ihm, zumindest überwiegend, gelungen. Vielleicht auch deshalb, weil viele italienische Texte einen Tick künstlerischer Präsentation aufweisen, selbst wenn sie aus einem scheinbar knochentrockenen Ambiente wie dem der Justiz stammen.

Robb hat ein Gespür dafür, wie Ereignisse und deren hundertfältige Deutungen aus tausenderlei angestammten Verhaltensweisen entstehen. Die Mafia wird so, ohne dass sie an Schrecklichkeit verliert, Teil jenes seit jeher auf Sizilien gepflegten alltäglichen Umgangs mit dem Tod. Im Leoparden Tomasi di Lampedusas fand die Mafia ihre erste literarische Darstellung. Nun wird sie bei Robb zum Inbild für Sicilianità: das gleichzeitig weltoffene und dann wieder gänzlich verschlossene Fühlen und Handeln jenseits irgendwelcher staatlicher Regeln, das dafür umso fester an mikrosoziale, innerfamiliäre Normen gebunden ist. Dort spielt die Ehre, aber auch das Beharren auf überkommenen Traditionen eine übergroße Rolle. Und wo ließe sich das besser zeigen als an Gesprächen in der Bar oder an den Riten für die Zubereitung von Pasta und Fischen?

Nicht selten wähnt sich der Leser in einen literarischen Gourmet-Führer versetzt. Etwa wenn Robb die Feinheiten der Pasta con le sarde in Palermo beschreibt und klarmacht, dass das Gericht nur in dieser Stadt heimisch sein kann: "Was anscheinend nicht zusammenpasst, fügt sich zu schönster Harmonie.

Pasta con le sarde ist eine Art Mosaik, in dem auch der winzigste Bestandteil seinen Platz im Ganzen findet. Wer also individuelle Abwandlungen vornimmt, ohne zunächst das wahre Rezept probiert zu haben, begeht einen großen Irrtum." Für Robb ist das wichtigste Wort "wahr": Nirgendwo wird mehr über Wahrheit geredet als in Palermo, und nirgendwo ist es schwerer, an sie heranzukommen. Deshalb kann man die Stadt nur als ein Mosaik verstehen, das sich grundsätzlich verändern würde, nähme man auch nur ein Steinchen heraus.

Robb beschreibt einige davon: den städtebaulichen Verfall und das Wirken des verzweifelt gegen die Mafia ankämpfenden und doch auch immer wieder in die angestammten Verhaltensweisen fallenden Bürgermeisters Orlando oder die Strategien mafioser Banden zum Erhalt ihrer Herrschaft.