Er war ein intellektueller Verführer, und nichts war verführerischer als seine Kunst des Redigierens. Wer das Glück seiner Textkritik erfuhr, ging am Ende mit gewachsener Selbstachtung. Karl Markus Michel begegnete Manuskripten mit Zartheit. Da saß er, der große elegante Mann, und schaffte es in einer kompliziert lässigen Bewegung, sich zugleich distanziert zurückzulehnen und sich dennoch intensiv über den Text zu beugen. Seine Vorschläge kamen immer aus der Immanenz des Arguments, und mit suggestiven Handbewegungen versuchte er, den Autor zu einem kühneren oder schöneren Gedankensprung zu verlocken.

Dies schuf Nähe, ja, Intimität und Michel unternahm alles, dennoch nicht zu nahe zu treten - ein Virtuose des schonenden Eingriffs. Am Ende hatte man verstanden, wie gut der eigene Text war. Dieses Privileg ging mit ihm.

Karl Markus Michel starb im Alter von 71 Jahren am Mittwoch vergangener Woche in Berlin - das Ende eines schlüssigen Lebens: Institut für Sozialforschung, Suhrkamp-Lektor, Hegel-Herausgeber, TransAtlantik-Redakteur.

Hunderteinundvierzig Hefte des Kursbuchs hat er betreut, gepflegt. Bei der Zahl seiner Autoren müsste man sagen, er habe das intellektuelle Leben der Republik geprägt. Nur: das Prägen, das Stempelaufdrücken war seine Sache nicht. Er wirkte, weil er das Metier des Intellektuellen lebte, exemplarisch und einsam zugleich. Denn er war eine, ja, die Ausnahme. Die üblichen bequemen Kostüme des engagierten deutschen Intellektuellen, die Rollenprosa des Linken, des Mahners oder Warners verachtete er. In den Unterschriftskartellen und in den Gräben deutscher Identitätsdebatten und Historikerstreits fehlte er. Er "intervenierte" nicht. Walter Benjamins Diktum, wonach Überzeugungen unfruchtbar sind, galt. In seinem Essay Abschied von der Moderne? heißt es am Schluss: "... ach was, wer wollte denn, wo alles nach Spontaneität, Intimität, Authentizität giert, vom Pathos der Distanz sprechen?" Der Pathetiker der Distanz: Seine Vornehmheit verweigerte sich jenem Debattenstil der Insinuation, bei dem immer nur über das eigentlich Gemeinte gestritten wird. Er hielt sich an das Geschriebene. Daher rührt auch seine viel gerühmte Kunst des Zitats. Man betritt seine Essays wie eine Berliner Gründerzeitwohnung in der Beletage, die er so liebte. Im Salon leuchten die seltenen Zitate, die Trouvaillen einer unabsehbaren geistigen Kultur auf - ein merkwürdiger Kontrast zum programmatisch-anmaßenden Titel Kursbuch. Es war ja auch Programmschrift der politisierenden Intellektuellen gegen die Notstandsgesetze, den "Staatsterror", für die Weltrevolution und andere Überzeugungen. Aber schon im ersten Heft (1965) schreibt Michel als Herausgeber in seinem legendären Essay Die sprachlose Intelligenz: "Wer sich gleichwohl erpressen läßt, zahlt in vorgeprägter Münze

seine Engagements sind Kapitulationen, seine Bekenntnisse Tautologien. Und wer sich nicht erpressen läßt, bietet eine Währung an, die in keinem der beiden Systeme gilt: Er bleibt ohnmächtig." Diese Aporie birgt sein Credo, sein Arbeitsprogramm. Er blieb in seinen Themen immer aktuell, einer Linken treu, die wie er in der Adenauerzeit (die er hasste und niemals verklärte) geprägt worden war. Wenn er sich in seinem letzten Text an ein "kulturgestütztes Nationalgefühl" herantastet, organisiert er auch hier - wie immer im Kursbuch - vor allem den zitatinduzierten intellektuellen Skrupel. Auch den Sprachskrupel. Durch ihn ist der Gebrauch des Konjunktivs wieder sicherer geworden.

Es wird ein langer Abschied sein. Daran hat Michel noch zuletzt auf dem Krankenbett gearbeitet. Die Hefte für das Jahr 2001 sind geplant. Trotz größter Schmerzen hatte er erst das Morphium verweigert - aus Angst um die Klarheit seines Denkens. Diese Nachricht hätte er gewiss für indiskret gehalten. Aber die Nachwelt braucht doch wenigstens diesen Trost.