Ein TV-Bild ist geblieben: Nickel Pallat, Saxofonist von Ton Steine Scherben, versucht, bei einer WDR-Talkshow den Tisch mit einem eingeschmuggelten Beil zu spalten. Damals wurde noch aufgemuckt gegen Entfremdung und andere unschöne Dinge. 29 Jahre ist das nun her, und der Kampf, den die einzige bundesdeutsche Agitpropband führte, längst verloren. Nur gelegentlich werden Scherben-Songs noch zur Beschallung von Demos und Hausbesetzerkneipen verwendet - was nicht so schlimm ist, weil es auch ästhetisch was zu erben gibt. Rio Reiser, der Frontmann, Sänger und Komponist, war der Erste, der deutschsprachigen Pop machte, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Grund genug für eine späte Hommage.

Unter dem Projektnamen Die Erben der Scherben haben Musiker von Rap bis Punk sich zusammengefunden, um Keine Macht für Niemand (Big Pop/ Virgin), das zweite, längst klassische Album der Berliner Band, neu einzuspielen, darunter auch Nina Hagen und Blixa Bargeld, Angehörige des neuen rappenden Mittelstands wie Thomas D von den Fantastischen 4, aber auch Neulinge wie die deutsch-kurdische Sängerin Sen. Sie alle eifern dem 1996 verstorbenen Reiser in seiner Fähigkeit nach, politische Statements mit privatem Bekenntnis zu verbinden. RR verstand dies so gut, dass selbst Zeilen wie "Aus dem Weg, Kapitalisten / Die letzte Schlacht gewinnen wir" nicht peinlich klangen.

Die Heutigen erweisen ihre Reverenz durch Werk- und Texttreue, bloß gelegentlich werden Zeilen den regionalen Örtlichkeiten angepasst: In der neuen Version der Schwarzfahrer-Hymne Mensch Meier wandelt sich die BVG (so kürzen sich in Berlin die Verkehrsbetriebe ab) in ihr Hamburger Gegenstück HVV. Den Gewerkschaftswerbesong Allein machen sie dich ein reduziert Bargeld mit Märchenonkelstimme und ohne musikalische Begleitung bis aufs Gerippe - und legt so die schlichte, existenzielle Wahrheit am effektivsten offen.

Die Größe eines Songs erkennt man oft erst an der Hartnäckigkeit, mit der er Interpretationsversuche übersteht. Reiser-Songs überstehen vieles, selbst Nina Hagen. Schade, dass die Erben der Scherben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vor allem Lust auf das Vorbild machen. Alles halb so schön ohne Reisers deutsche Soulstimme, mit der er noch den ausgelutschtesten Slogan zum anrührenden Bekenntnis zurechtnuscheln konnte.