Die Krise um die amerikanische Präsidentschaftswahl hat den Amerikanern nicht nur das anachronistische System des Wahlmännerkollegiums bewusst gemacht. Die Meldungen über verwirrend gestaltete Stimmzettel, fehlerhafte Auszählungen, verdächtig viele ungültige Stimmen, mysteriöse Wahlurnen und Behinderungen schwarzer Wähler haben eine Nation, die sich selbst gern als die älteste Demokratie der Welt sieht, zutiefst verunsichert.

Seit der Ankunft der ersten englischen Siedler im frühen 17. Jahrhundert sind Wahlen fester Bestandteil des politischen Lebens in Amerika, und vielen Bürgern dort erscheint ihre Geschichte gleichsam als unaufhaltsamer Fortschritt zur Demokratie. Dabei wird allerdings leicht übersehen, dass Betrug, Manipulationen, die Einschüchterung des politischen Gegners und die Diskriminierung von Minderheiten untrennbar mit dieser Geschichte verknüpft sind. Gerade die Offenheit der amerikanischen Politik und die frühe Ausweitung des Wahlrechts haben Amerikas Demokratie anfällig gemacht für "schmutzige Tricks".

Schon in der Kolonialzeit waren - trotz eines Zensuswahlrechts - zwischen 50 und 80 Prozent aller erwachsenen weißen Männer wahlberechtigt. Zensus hieß in diesem Fall, dass nur wählen durfte, wer Land in einem bestimmten Wert besaß.

Die tatsächliche Wahlbeteiligung lag jedoch erheblich niedriger, da vielen Wählern der Weg zu weit oder ihr Tagewerk wichtiger war. Meist stand nur ein einziger Kandidat zur Wahl, sodass die Abstimmungen eher rituellen Charakter hatten. Üblicherweise wurde offen gewählt. Die Wähler nannten laut den Namen ihres Favoriten, und ihre Stimme wurde von Beamten in ein Wahlbuch eingetragen.

Bereits damals sahen sich die Amerikaner als demokratische Musterschüler.

Eine Zeitung in Connecticut schrieb 1770, nirgendwo sonst im British Empire würden Wahlen so frei und ordentlich abgehalten. Tatsächlich aber fanden sich alle korrupten Praktiken, für die das Mutterland berüchtigt war, auch in den Kolonien. Stimmenkauf und der großzügige Ausschank von Schnaps waren an der Tagesordnung und für viele Wähler das Hauptmotiv, sich auf den Weg zum Wahllokal zu machen. Wo das Zuckerbrot nicht half, war aber auch die Peitsche zur Hand. Die Kandidaten, die der besitzenden Schicht angehörten, konnten wirtschaftlich abhängige Wähler leicht unter Druck setzen und notfalls abstrafen, wie 1736 ein schlechter Verlierer in Virginia, der dafür sorgte, dass diejenigen seiner Schuldner, die ihm die Stimme verweigert hatten, unverzüglich in Schuldhaft kamen. Wer zur Wahl ging, wusste nie genau, ob er zu einem Bankett eingeladen war oder einfach zur Stimmabgabe gezwungen werden würde.

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