Erstmals hat in diesem Jahr einer von vier Abzügen von Man Rays Glas- tränen die Millionen-Dollar-Grenze überschritten, der bisher höchste Preis für Fotografie als Kunst. So hoch wird sie hierzulande nicht gehandelt. Da gilt es schon als Sensation, dass bei der 14. Foto-Auktion bei Lempertz in Köln (4. November) zweimal die Schallmauer von 100 000 DM durchbrochen wurde - für zwei Konvolute von Peter Keetman und Leni Riefenstahl. Mit einem Ergebnis von 1,5 Millionen Mark war es die bisher erfolgreichste Fotografieauktion auf dem deutschen Markt.

Wer sich für das Genre interessiert, ist in diesen Tagen viel auf Achse: Berlin, Köln, München und Wien lockten und locken mit Auktionen. In Paris fand gerade zum vierten Mal die Messe Paris Photo im Souterrain des Louvre statt, der Amerikaner Richard Avedon wurde als Erster mit dem mit 20 000 Euro dotierten Berlin Photography Prize in Berlin ausgezeichnet.

Immer noch ist der US-Markt führend, und dort heimsen auch die europäischen Fotokünstler Spitzenpreise ein. Die großformatige Arbeit Hong Kong Stock Exchange (1998, eines von sechs Exemplaren) des Düsseldorfers Andreas Gursky brachte jetzt bei Phillips in New York 211 500 Dollar, und die Arbeit Jalta, Ukraine, 29. Juli 1993, der Niederländerin Rineke Dijkstra ging mit 52 900 Dollar auf das Dreifache ihres Schätzwertes hoch.

Auch in Paris war man nicht zimperlich mit den Forderungen für die Inkunabeln der Fotokunst. 97 Galeristen und Verleger aus 16 Ländern beteiligten sich in diesem Herbst an Paris Photo. Die aus Zürich angereiste Pionier-Galerie Zur Stockeregge bot Edward Westons signierten und datierten Vintage-Print von 1921 Head of an Italian Girl für 500 000 Dollar an.

Kenner registrierten dort hohe Qualität aus dem Bereich der deutschen und russischen Avantgarde und vor allem beste Verkäufe aus namhaften Zeitungsarchiven. Der Protest vieler Autoren hatte in Köln im September den Verkauf bei Lempertz von Werken des Fotojournalismus vereitelt. Während man sich in Köln bei einem Symposion über die rechtliche Lage die Köpfe heiß redete, klebten die Händler an der Seine rote Punkte unter die Presse-Prints.

Erst Mitte der siebziger Jahren erkannte der deutsche Markt die Fotografie als Handelsware. Sothebys in London organisierte erstmals 1971 eine Auktion auf diesem Gebiet. Hauswedell & Nolte in Hamburg bot 1975 auch Fotografie als Bestandteil der Modernen Kunst an. Das Kölner Auktionshaus Lempertz nahm die Photokina im Jahr 1976 zum Anlass einer ersten Versteigerung mit "Photographica", bei der 99 Prozent des Angebots auch verkauft wurden. 1988 hatte die Fotografie dann auf der Art Basel einen großen Messeauftritt zu damals als völlig überteuert geltenden, aber in der Rückschau vergleichsweise harmlosen Preisen - mit Arbeiten von Paul Outerbridge, Raoul Hausmann, Brassai, Dora Maar, Hans Bellmer, René Magritte und der jüngeren Generatio n mit David Hockney und Cindy Sherman. 130 000 Schweizer Franken für ein frühes Alfred-Stieglitz-Interieur Paula von 1899 galten vor zwölf Jahren noch als "Alptraum-Preisvorstellung" - heute sind solche Preziosen kaum noch zu haben, und wen n, nur noch für sechsstellige Preise.

Als Nächstes hat die Villa Grisebach ihre 6. Foto-Auktion mit 408 Losen für den 23. November in Berlin angesetzt. 200 international bekannte Fotografen sind im Angebot, darunter drei Silbergelatineabzüge Andy Warhol and Members of the Factory von Richard Avedon von 1969 in einer Auflage von fünfzig Exemplaren (8000 bis 12 000 DM), ein Vintage-Print von Constantin Brancusi Vue d'Atelier, taxiert auf 16 000 bis 20 000 DM, ein Vintage-Silbergelatineabzug von Imogen Cunningham Phoenix Recumbent von 1968 (15 000 bis 18 000 DM).