Eine Gesellschaft, die immer komplexer und unüberschaubarer wird, braucht Spezialisten. Doch oft seien die Profis die Ursache der Probleme und nicht ihre Lösung, schreibt Manfred Lahnstein, ehemals Chef des Bundeskanzleramts und letzter Finanzminister im Kabinett von Helmut Schmidt. Nun prangert er die Expertenherrschaft in Bürokratie, Wirtschaft, Parteien und Medien an.

Seine These: Allerorten sollen spezialisierte Kräfte die anfallenden Probleme lösen - vom Parlamentarier im Bundestagsausschuss bis zum Interessenvertreter von Industrie oder Arbeitnehmern. Dafür werden viele von ihnen gewählt und alle bezahlt. Doch sind diese einflussreichen Menschen erst einmal in Amt und Würden, kümmern sie sich selten um die Erfüllung ihres gesellschaftlichen Mandats. Stattdessen wollen sie die Interessen der Schutzbefohlenen durchsetzen - oder gar die eigenen. Macht mutiert zu Machtkartellen.

Ökonomen kennen das als das Problem von Prinzipal und Agent. Der Wähler gibt eine Richtung vor, hat aber wenig Kontrolle über ihre Einhaltung. Zu Recht sieht Lahnstein darin das Grundübel jeder Delegation von Kompetenzen. Dieses Übel hat zwei Folgen.

Erstens: Gerade weil die Fachleute dazu da sind, Probleme zu lösen, wollen sie diese nicht ernsthaft in Angriff nehmen - denn sonst müssten sie sich selbst abschaffen. Zweitens: Die Gesellschaft erstarrt unter den Machtkartellen. "Jede Veränderung kann den Verlust von Privilegien bedeuten, darum wird sie abgebremst."

Lahnstein zeigt das am Beispiel des Wohlfahrtsstaates: Geschaffen, um echte soziale Notstände zu beheben, habe er sich zu einer Superbürokratie entwickelt, die gigantische Transfersummen hin- und herschiebt und Tausende von öffentlichen Bediensteten nährt, die auf ihre Pfründen pochen. Ähnliche Tendenzen sieht der Autor bei Großunternehmen und Parteien.

Lahnsteigs Ausweg aus dem Dilemma: Die Bürger und Konsumenten müssen ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen. Das heißt, auf lieb gewonnene Gewohnheiten zu verzichten. Denn das Sicherheitsbedürfnis, so Lahnsteins These, ist ein wesentlicher Grund für die Übertragung von Macht an Bürokraten und Funktionäre - und damit für das Entstehen von Expertenkartellen. "Wenn wir uns gegen die Machtkartelle wehren wollen, müssen wir bereit sein, diese Sicherheit gegen ein Stück mehr Freiheit und Selbstverantwortung einzutauschen."

Lahnsteins Analyse deckt auf, wie Machtkartelle entstehen und was sie anrichten können - ein wichtiger Beitrag zur Reformdebatte. Allerdings rennt der Autor einige offene Türen ein: Nach mehr Staat schreit inzwischen kaum noch jemand. Indes: Selbstregulierung und Lust auf Risiko sind noch kein vollständiges Modell für ein gerechtes und zukunftsfähiges Gemeinwesen.