Ankara

Zwischen der Türkei und den europäischen Hauptstädten kühlt sich der Ton ab.

Ministerpräsident Bülent Ecevit warnte am Wochenende, falls die EU die türkischen "Empfindlichkeiten" nicht richtig einzuschätzen lerne, müsse Ankara die Beziehungen zur EU "überdenken". Ein knappes Jahr, nachdem die europäischen Staats- und Regierungschefs der Türkei den Weg in die EU geebnet haben, macht sich Ernüchterung breit. Manche sehen eine Krise nahen.

Wie einen Fußballsieg feierten die Türken im Dezember 1999 den offiziellen Status als EU-Beitrittskandidat. Nach Jahrzehnten des Werbens, nach Testphasen als assoziiertes Mitglied und als Zollunionspartner schienen sie plötzlich den Fuß in der Tür zur ersehnten Vollmitgliedschaft zu haben. Die Aufnahme in den prestigeträchtigen und finanzstarken Club erschien der Türkei so attraktiv, dass sie bereitwillig zusagte, alle politischen Reformen umzusetzen, die Europas Regierungschefs in Helsinki zur Voraussetzung der Beitrittsverhandlungen erklärt hatten: Ankara sollte die türkischen Gesetze zugunsten der Meinungsfreiheit ändern, die Kurden als Minderheit anerkennen und mit entsprechenden Rechten ausstatten und nicht zuletzt die politische Vormachtstellung des Militärs auf ein demokrat isch vertretbares Maß zurückstutzen.

Die Europäer betrachteten ihre eiserne Courage nun mit gemischten Gefühlen.

Vielen erschien das Angebot, das vor allem auf deutsches Betreiben hin zustande kam, als Risiko für den Zusammenhalt und die Handlungsfähigkeit der Union. Dass die Türken muslimisch sind, war dabei nicht die größte Sorge

schwerer wogen der tief verwurzelte Nationalismus, der Entwicklungsrückstand und nicht zuletzt die schiere Größe des Landes: mit über 62 Millionen Einwohnern ist die Türkei schon heute größer als Frankreich oder England und würde eines Tages zum bevölkerungsstärksten Mitgliedsstaat der Union werden.