die zeit: Herr Bundespräsident, Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat auf der Kundgebung am 9. November die provokante Frage gestellt, ob zur deutschen Leitkultur auch die Jagd auf Ausländer, das Anzünden von Synagogen gehöre. Sie standen neben ihm. Was haben Sie in diesem Augenblick empfunden?

Johannes Rau: Ich habe Verständnis dafür, dass Paul Spiegel so scharf formuliert und gleichwohl überzeichnet hat. Das eigentliche Ereignis am 9. November war, dass so viele Menschen gekommen sind und dass es so viel Zustimmung zu dem gab, was er und ich auf unterschiedliche Weise gesagt haben. Im Augenblick findet eine doppelbödige Debatte statt: Einmal ist sie abstrakt und sachorientiert, und andererseits werden immer wieder Formulierungen gesucht, die den jeweiligen politischen Gegner einkesseln sollen.

zeit: Worin genau haben Sie Verständnis für ihn? Hat die Kundgebung eine Harmonie vorgetäuscht, die es unter den Politikern nicht gibt, und hat Herr Spiegel diese Maske weggezogen?

Rau: Paul Spiegel hat zu Recht auf die Wirkung von Begriffen hingewiesen. Ich habe Ähnliches gesagt: Auf Unworte können Untaten folgen. Und ich habe alle aufgefordert, auch die Politiker, in der Wahl der Worte sensibler zu sein.

Das hatte ich schon in meiner Berliner Rede am 12. Mai deutlich gesagt.

zeit: Salomon Korn spricht von zwölf Millionen Antisemiten in Deutschland.

Ignatz Bubis fragte kurz vor seinem Tod, ob es vielleicht falsch war, hier zu bleiben. Richard Chaim Schneider beendet seine Verteidigung Spiegels in der Süddeutschen Zeitung kürzlich mit den Worten: "Und eins ist sicher: die Zeiten, in denen Juden wortlos alle Angriffe über sich haben ergehen lassen, sind vorbei." Spiegelt das eine veränderte Lage im Land wider?