So liest sich eine gezielte Provokation: "Es müssen in den nächsten zehn Jahren rund 200 000 Menschen pro Jahr einwandern. In den zehn Jahren danach müssen es 500 000 jährlich sein." Das fordert Klaus Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), und für den ausgewiesenen Fachmann für Zuwanderungsfragen geht es um die Zukunft der deutschen Wirtschaft. Eine für viele Bundesbürger schwer erträgliche Vorstellung. Heute schon erklären 37 Prozent aller Westdeutschen, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland

in den neuen Bundesländern sagen das gar 51 Prozent der Bewohner.

Dabei hat hierzulande eine deutliche Wende in der politischen Debatte um die Zuwanderung stattgefunden. Noch wird die Frage nach den gesamtwirtschaftlichen Kosten und Erträgen einer Einwanderungspolitik kaum gestellt, geschweige denn geklärt, da wollen Politiker aller Parteien die Grenzen ein gutes Stück öffnen. Noch vor einem Jahr wurde jeder, der Deutschland ein Einwanderungsland nannte, als Multikulti-Fantast abgekanzelt.

Jetzt erklärt der frisch gekürte CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer: "Ich bin ganz sicher, dass wir in Deutschland Zuwanderung brauchen." Bei der SPD wird man konkreter: 20 000 Einwanderer pro Jahr sollen es sein. FDP-Chef Wolfgang Gerhardt will gar 70 000 Hochqualifizierte pro Jahr ins Land holen.

Die Diskussion bleibt verworren. Einerseits ist die Meinung verbreitet, die Ausländer klauten den Deutschen ihre Jobs, drückten die Löhne und beuteten das System der sozialen Sicherung aus. Auch zurückhaltende Zeitgenossen artikulieren Angst vor einer Einwanderungswelle, wenn sich die Grenzen nach Mittel- und Osteuropa öffnen. Andererseits gibt es für Spezialisten wie den Hamburger Professor Thomas Straubhaar keine Zweifel: "Entgegen allen populären politökonomischen und oft auch populistisch hochgespielten Befürchtungen dürfte im demografisch älter werdenden Europa in diesem 21.

Jahrhundert nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an Migration zur eigentlichen Herausforderung werden."

Zwei ökonomische Gründe werden für einen Bedarf an Immigranten genannt. Zum einen der Mangel an Fachkräften in vielen Branchen. So klagt der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) in seiner Herbstumfrage: "Nicht nur Spezialisten im IT-Bereich sind kaum zu finden. Auch Ingenieure und Facharbeiter sowie zum Teil sogar weniger qualifizierte Arbeitskräfte sind in manchen Branchen kaum zu bekommen." Unisono ruft die Wirtschaft nach Fachleuten, nur im Ausland sind sie angeblich noch zu haben.