Wenn Bäume in Gefahr sind zu sterben, produzieren sie ungewöhnlich viele Früchte. Die stürmische Globalisierung beschert uns ein ähnliches Phänomen.

Sie aktiviert bei sehr vielen Menschen Erinnerungen an eine Kindheit in einer übersichtlichen Natur, die von Oma und Opa bevölkert war. Natürlich nicht die Hitler verehrende Oma und nicht der antisemitische Opa. Sondern Erinnerungen an das Idyll auf dem Lande, wo die Hühner frei herumliefen und die kuhwarme Milch in Schüsseln auf dem Holztisch stand, in die das selbst gebackene Brot getunkt wurde. Die heile Welt, die in Gefahr ist, vom globalen Einheitsbrei überschwemmt zu werden.

Es scheint, dass alle grauhaarigen Autoren des Buches Heimat auf dem Land aufgewachsen sind. In ihren Erinnerungen geht es nur um blühende Weidenkätzchen, um Gemüsegärten und eingemachte Früchte. Auf den Teichen paddeln Enten, und die Tauben gurren auf dem Dach. Niemand hat seine Kindheit in der Stadt verbracht. Wüsste ich es nicht besser, müsste ich annehmen, die Städte seien damals kinderfrei gewesen.

Doch es war in der romantisch verklärten Vergangenheit nicht anders als heute: Die meisten Menschen wohnten in Städten. Da rauschten keine Bäche, an denen Kinder Forellen fingen, da wuchsen auch nicht fünfzig Sorten Birnen von unglaublicher Süße. Die Luft in den Städten war damals deutlich schlechter als heute, da rauchten nicht nur die Trümmer der Synagogen, auch die Industrie kannte keine Filter und qualmte energisch vor sich hin. Aber an die Stadt will sich keine sensible Seele mehr erinnern. Sie haben sie verdrängt.

Bevor ein Dichter bekennt, er habe als Kind in den rußgeschwärzten Hinterhöfen wunderbar gespielt, erinnert er sich lieber an die Ferien auf dem Lande bei der Oma. An Entengrütze auf dem Teich, an blühende Kirschbäume, in dessen Rinde er ein Herz geschnitzt habe und dergleichen Kitsch. Je mehr sich das Land aus unserem Dasein verabschiedet, umso heftiger rumort die Erinnerung daran in den Köpfen der Alten. Ein neuer Schmus-und-Boden-Mythos breitet sich auf dem Papier aus in dem Moment, wo es vom Internet abgelöst werden soll.

Was lernen wir daraus? Der Mensch braucht ihn, den Boden ebenso wie den Schmus, den der Dichter um duftende Weißdornhecken webt. Während wir reglos zusehen, wie der letzte Wildwuchs diszipliniert und noch der letzte Küstenstreifen betoniert wird, raunen die Sensiblen von ihren Schulferien bei der Oma und legen Fontanes Wanderungen auf den Couchtisch.

Eine durch und durch positive Entwicklung. Denn so werden unsere Wurzeln freigelegt und Traditionen beschworen, die uns helfen können, die digitalisierte Zukunft vor dem PC zu überleben. Nur so haben wir eine Chance, die Graupensuppe unserer Kindheit gegen den kinderfreundlichen Jogurt in der Quetschtube ins Spiel zu bringen. Oder die Kunst der Messer-und-Gabel-Handhabung gegen das Freihandmampfen.