Das Ausland lässt sich Zeit mit dem Ankommen. Viele Botschaften in Berlin sind noch immer Baustelle, die meisten Diplomaten begnügen sich mit ein paar rasch angemieteten Büroetagen. Großbritannien hat zwar vor ein paar Wochen mit großem Pomp seine Mission an der Wilhelmstraße eröffnet

auch die skandinavischen Länder konnten bereits ihr neues Quartier beziehen. Doch für die Mehrzahl der Staaten verzögert sich der Umzug. Mit großem Aufwand wird geplant und gebaut, schließlich geht es um mehr als um ein rasch gezimmertes Expo-Spektakel.

In Bonn hatten sich fast alle großen Länder in einer beschaulichen Gründerzeitvilla einquartiert. In Berlin hingegen wollen sie etwas Eigenes, ein Haus, das für die Heimat wirbt. Nie war die Architektur so sehr Botschafts- und Bedeutungsträger der Diplomaten. Selten nur erzählte sie so offenherzig von den Binnenwelten des politischen Geschäfts.

Auf den ersten Blick allerdings wirkt das indische Staatenhaus, das in den kommenden Wochen bezogen wird, recht verschlossen. Es ist ein strammer Block, fast schon karg, wären die Wände nicht mit tief leuchtendem Sandstein verkleidet. Eigens wurden die grob gebrochenen Platten aus Indien herangeschafft, damit der Quaderbau schwer und naturwüchsig aussieht und sachte an die eigene Bautradition erinnert. Folkloristisches Geschnörkel lehnte man hingegen ab, schließlich will sich Indien kosmopolitisch präsentieren. Als Inbegriff des Kommenden gilt die hierzulande gern geschmähte Moderne, kantig und ohne Schnickschnack.

Abweisend ist die neue Botschaft aber nicht geworden. In der Hauptfront öffnet sich ein schmales, hohes Tor, und wer hindurchschlüpft, findet sich wieder in einem kleinen, kreisförmigen Vorhof. Ein Wasserbecken füllt das Rund zur Hälfte, und so steht man inmitten der Elemente, schaut hinab aufs glitzernde Nass, hinauf gen Himmel, ist halb hier und halb fort. Solche Zwischenzonen gibt es überall in dieser Botschaft, immer wieder wird man überrascht von raffinierten Inszenierungen.

Der Entwurf für diese räumlichen Wechselspiele stammt von dem Berliner Architekturbüro Léon Wohlhage Wernik, das im Inneren sowohl Sichtbeton verwendet als auch traditionelle indische Materialien. Mit seidigen Stoffen oder aufwändig gemeißelten Gittern aus Stein erschaffen sie wandelbare Räume, die je nach Bedarf offen oder geschlossen wirken. Auch im Hofgarten mit seinen Treppen, dem Bächlein und den Terrassen entfaltet sich größte Vielfalt auf engstem Raum. Die Architektur drängt sich nicht auf, doch kann man sich angenehm von ihr unterhalten lassen. In dieser Welt muss niemand die Welt dort draußen missen.

Aufgeschlossener auch für den Außenstehenden zeigt sich Mexiko. Mit stolzer Geste grüßt uns der Neubau, der in dieser Woche eröffnet und bereits viel bewundert wird. In einen mächtigen Rahmen, der das Gebäude umfasst, haben die beiden Architekten Teodoro González de León und Francisco Serrano lauter lange Streben eingestellt, einige aufrecht, andere schräg, so als sei die Fassade ein Vorhang, der sich gerade öffnet. Von der Seite gesehen, wirkt diese Lamellenskulptur geschlossen und kompakt. Steht man hingegen davor, öffnet sich der Blick auf die Fenster dahinter, und abends sieht man die Botschaftsbeamten in ihren erleuchteten Büros. Eine leichte, fast spielerische Monumentalität geht von diesem Gebäude aus, wieder ist es die Moderne, die Stolz und Zuversicht verkörpert. Der 74-jährige González hat noch bei Le Corbusier gearbeitet.