Ein großer Augenblick in der Hörbuch-Musik dieses Jahres: Bruno Ganz ist wieder da. Fünfzehn Jahre nach der Aufnahme von Gedichten Hölderlins für ECM Records liest und spricht und spielt er T. S. Eliots Gedichtzyklus Das wüste Land (1922), eines der Kernwerke des Jahrhunderts, in der meisterlichen Übersetzung von Ernst Robert Curtius.

Die fünf großen Gedichte, in denen ein Stimmengewirr herrscht, wenn Gestalten der Bibel und mythische Helden in der Umgangssprache und im Kneipenjargon zu uns reden, scheinen auf einen Künstler wie Bruno Ganz gewartet zu haben.

Allein mit der Wandlungsfähigkeit seiner Stimme kann er die Atmosphäre rund um einen Biertresen schaffen, vom Lallen seliger Säufer über das Girren beschwipster, "süßer Damen" bis hin zum Schnarren des Konstablers, der die Polizeistunde ausruft. Das knarrt und knarzt, zwitschert und zwatschert, dröhnt und dräut - und lässt gerade in dieser symphonischen Fülle den hohen Ton von Altem Testament und antiker Sagenwelt anklingen. Ein Hörerlebnis nicht der berauschenden Art virtuosen Schönklangs, sondern der Sinn und Strukturen erhellenden, den Kopf des Hörers erhellenden Kunst der Darstellung.

Von vergleichbarer Kraft: die Gedichte des griechischen Eliot-Übersetzers Giorgos Seferis. Glückliche Kombination. Bruno Ganz spricht den Zyklus Die Drossel, der im Mittelpunkt des lyrischen Werks von Seferis steht, in der Übersetzung von Christian Enzensberger, und aus den Geheimen Gedichten, übertragen von Timon Koulmasis und Danae Coulmas. Dazwischen: Klangminiaturen von Kurtág, Nikos Xydakis, Giya Kancheli. Die mit ungewöhnlicher Sorgfalt, nein: Liebe gemachte Edition zeigt sich in einem 86 Seiten umfassenden Begleitbuch mit Handschriften, Fotos, Originalbeiträgen, darunter einem Text von Bruno Ganz unter dem Titel, einem Eliot-Zitat: Wenn Wasser wäre.

Wie ein Echo klingt, ein halbes Jahrhundert später, die Klage der amerikanischen Dichterin Anne Sexton, die 1974, da war sie gerade 46 Jahre alt, nicht mehr weiterleben wollte: Wenn Liebe wäre. Die junge Frau, die bis zum Alter von 28 Jahren in einer Vorstadt von Boston das scheinbar behütete Leben einer Frau und Mutter des Mittelstands geführt hatte, rebellierte gegen die Einengung durch alle Konventionen mit einem, wie sie es nennt, "psychotischen Schub". Der Psychotherapeut, zu dem sie, gut amerikanisch, eilt, rät zur Abreaktion der Ängste in Gedichten. Was zunächst wie ein Rettungsring aussieht, erweist sich als tödliche Schlinge. Nun ergründet sich die von Dämonen gehetzte Frau bis in ihr Innerstes - und findet da noch mehr Albträume: "Ich glaubte, die Visionen würden verschwinden, wenn genug Liebe da wäre, um alles zum Schweigen zu bringen." - Aus Gedichten und Briefen hat Wolfgang Stockmann ein "akustisches Porträt" geschaffen, das Corinna Harfouch und Stephan Benson lebendig machen.

Was sind die Lieblingsgedichte der Deutschen? So fragte der WDR im Mai. 3000 Hörer antworteten. Schon ist die CD mit 48 Gedichten da - von Mörike bis zu Erich Fried, Claudius bis zu Celan, aber auch von Otto Ernst bis zu Heinz Erhardt. Katharina Thalbach und Ulrich Tukur, Ulrich Mühe und Otto Sander, um nur sie zu nennen, stellen sich in den Dienst der Sache. Leitkultur - lyrisch?

Rolf Michaelis * Bruno Ganz: Wenn Wasser wäre - T. S. Eliot's "Das wüste Land" Giorgos Seferis "Gedichte" ECM New Series 1723 München 1 CD 58,48 Min.