Das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion war in den frühen Jahren der Bundesrepublik eines der wichtigsten politischen Themen. Hunderttausende, die in den Lagern umgekommen waren, und Hunderttausende von Heimkehrern, die meisten von ihren Erlebnissen in den Lagern traumatisiert und von Entbehrungen und Krankheit gezeichnet, schienen die Unmenschlichkeit des Sowjetkommunismus besonders deutlich zu beweisen.

Mehr als 50 Jahre danach geht Andreas Hilger diesem emotionsgeladenen Thema mit großer Nüchternheit, kritisch und mit enormem Arbeitsaufwand nach. Er wertet nicht nur Tausende von Aussagen und die reiche Erinnerungsliteratur der Heimkehrer sowie die inzwischen sehr umfangreiche wissenschaftliche Literatur aus, sondern auch reichhaltige russische Archivbestände.

In einer ganzen Reihe von Punkten präsentiert der Autor neue, zum Teil aufsehenerregende Ergebnisse. Mit überraschender Deutlichkeit zeigt er, dass die UdSSR entgegen bisherigen Auffassungen bei der Behandlung der Gefangenen sehr wohl kriegsvölkerrechtliche Prinzipien zugrunde legte. Wenn die Gefangenen in aller Regel den Eindruck hatten, dass die UdSSR das Kriegsvölkerrecht völlig ignorierte, dann in erster Linie wegen der hohen Sterblichkeitsrate, vor allem in den Jahren 1944 bis 1946, die manche Gefangene vermuten ließ, man wolle sie sterben lassen. Bedauerlicherweise spart Hilger die Frage nach der Gesamtzahl der Opfer aus: Waren es fast 1,1 Millionen, wie eine westdeutsche Wissenschaftlerkommission in den sechziger Jahren schätzte? Waren es "nur" 357 687, wie die NKWD-Akten sagen? Oder waren es etwa 700 000, wie der Freiburger Militärhistoriker Rüdiger Overmans - meines Erachtens recht plausibel - schätzt? (Von diesem Autor ist gerade das Begleitbuch zur dreiteiligen Fernsehserie Soldaten hinter Stacheldraht.

Deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs im Propyläen Verlag erschienen.)

Hilger fand in den Akten keinerlei Anhaltspunkte für die Vermutung, dass von der sowjetischen Führung "zu irgendeinem Zeitpunkt Vernichtungsmaßnahmen gegen die deutschen Kriegsgefangenen geplant oder gar durchgeführt wurden".

Die wichtigste Ursache des Massensterbens war, dass es der vom Krieg ausgelaugten und weithin zerstörten UdSSR ebenso wenig möglich war, das Millionenheer der Gefangenen ausreichend zu versorgen wie ihre eigene Bevölkerung. Trotz großer Bemühungen der Zentrale gelang es nicht, chronische Missstände in der Versorgung der Lager abzustellen. Anweisungen zum Schutz schwacher und kranker Gefangener wurden zwar ständig wiederholt, doch immer wieder der Forderung nach Erfüllung der Produktionspläne untergeordnet.

Hilger unterstreicht, dass die deutschen Gefangenen dabei nicht schlechter behandelt wurden als die sowjetische Bevölkerung. Sie waren einbezogen in die ungeheuren Anstrengungen, das vom Krieg verwüstete Land wiederaufzubauen.