Der Brief des Schulmannes, der mich aus dem Reiche der geistigen Betätigung hinauswies, für >lebenslänglich<, kam zu einem Zeitpunkt, wo allzu viele geistige Mächte mich bedrängten: religiöse, metaphysische, sittliche und erotische, mit denen ich führerlos in Redlichkeit fertig zu werden bemüht war. Das aufgewühlte Gemüt flüchtete zu den Musen und Grazien. Aber mein Vater war nun entschlossen, >dem Burschen müssen die brotlosen Künste abgewöhnt werden<. Und wenn ich mich heute in seine Lage versetze, so muß ich wohl zugeben, daß er nicht anders handeln konnte, denn er hatte jahrelang vergeblich Geduld geübt ... Jetzt aber sollte strenge Zucht Remedur schaffen.

Wohin man mit den brotlosen Künsten kommen könne, hatte gerade der Großvater erleben müssen, Bankier in Düsseldorf. Dessen Sohn Otto arbeitete in der väterlichen Bank, träumte aber davon, Kunstmaler zu werden, und war in eine junge Schauspielerin verliebt. Sein alter Vater meinte, ihn fest an die Bank zu binden, indem er ihn zum gleichberechtigten Teilhaber machte. Das nutzte Otto schamlos für sich aus: In Abwesenheit des Alten teilte er alles flüssige Vermögen in zwei Teile und überwies den einen Teil auf sein Privatkonto in Paris. Von dort schrieb er dem Vater, dass er nunmehr aus der Firma ausscheide und jetzt als Maler lebe und seine Geliebte heiraten werde. So stellte es jedenfalls unser Exschüler später in seiner Autobiografie dar.

Und weiter heißt es da: Der Alte war niedergeschmettert. Um die gleiche Zeit aber erhielt er die Nachricht von meinem Schulelend. Und nun reifte in dem einsam gewordenen Manne ein freundlicher Gedanke. Er wollte seinen einzigen Enkel zu sich nehmen und zum Erben seiner Firma machen ... Er schlug meinen Eltern vor, man möge mich das Bankgeschäft lernen lassen. Und sobald ich unter der Leitung des alterfahrenen Prokuristen leidlich die Geschäfte fortführen könne, werde er selber sich zur Ruhe setzen.

Es war nur natürlich, schrieb er weiter, daß alle meine Angehörigen diese Wandlung für eine schöne Fügung des Himmels hielten. Personen, deren Urteil mein Vater aufs höchste schätzte und denen das meine nicht gewachsen war, der Onkel Gans, der alte Blumenthal, die alten Bankiers Bleichröder und Ephraim Meyer, redeten auf den Knaben ein: >Wenigen Jünglingen ist je ein so glückliches Los zuteil geworden. Du kommst in ein gemachtes Bett. Du kannst nach einigen Jahren des Lernens ein großes Vermögen ernten und dich dann ganz deinen Idealen überlassen.< Aber je mehr sie ihm zuredeten, desto mehr versank er in Trotz und Schwermut.

Ich glaubte dem Wahn von Klages, daß der Germane ein >Idealist<, der Jude aber nur ein >Materialist< sei. Ich glaubte an den Scheideweg gestellt zu sein und wählen zu müssen zwischen Heldentum und Glück. Auf der einen Seite rief nach mir die >Einsamkeit der Heroen<, auf der andern lockte die >Eitelkeit der Welt<. Ich wußte nicht, was ich wollte, aber ich wollte das Höchste. Es war sicherlich ein irrendes Heldentum, aber meine Qual war echt.

Kein Knabe hat wohl je reineren Herzens geirrt, meinte er später, als er schon viel geschrieben hatte.

Ja, er hatte sich durchgesetzt, indem er zwar eine Zeit lang in der Bank des Großvaters den Volontär mimte, aber nur, um seine Unfähigkeit zu demonstrieren. Nicht mal für Briefmarkenkleben war ich zu gebrauchen. Und die Börse ekelte mich an.