Genetische Tests mit Hilfe der sogenannten DNA-Chip Technologie werden in Zukunft genauere Diagnosen und Vorhersagen für Erkrankungsrisiken in der Bevölkerung ermöglichen. Diese Auffassung vertraten Martin Hofmann, Genchip-Experte des Heidelberger Bioinformatik-Unternehmens Lion Bioscience und der Bluthochdruck-Spezialist Professor Arya Sharma von der Berliner Charite` auf dem ZEIT-Forum Prädiktive Medizin anlässlich der MEDICA 2000 in Düsseldorf.  
Schon jetzt seien Chips verfügbar, die unterschiedliche Genaktivitäten bei zwei schwer zu unterscheidenden Formen des Lymphdrüsenkrebses messen und eine sichere Diagnose erlauben, sagte Hofmann. Gute Ergbnisse seien auch bei der schnellen und exakten Diagnose von Infektionen durch die Erbgutanalyse von Erregern in Kürze zu erwarten.

In zwei Jahren, spekuliert Hofmann, sei die Zahl der menschlichen Gene bekannt. Wenig später seien die Gene auf einem einzigen Chip versammelt. Die vielbeschworene Vision vom genetischen Profil für Jedermann bleibe jedoch vorerst Zukunftsmusik, meinte der Fachmann, bislang sei die Technologie für die Erfassung der individuellen Gendaten der Bürger noch längst nicht leistungsfähig genug. "Es gibt schätzungsweise eine Million individuelle genetische Unterschiede zwischen zwei Menschen", sagte Hofmann, "sie sind verantwortlich für die äusserliche Gestalt, aber auch für die unterschiedlichen Reaktionen des Organismus auf Medikamente oder Lebensgewohnheiten wie etwa das Rauchen". Für individuelle Genomanalysen müsste zudem die Leistungsfähigkeit von Computern und Software nochmals erheblich zulegen.

In den klinischen Alltag ist die Genchiptechnologie daher auch erst in wenigen Bereichen vorgedrungen, bestätigte Arya Sharma. Zwar erwartet auch er von der Technik erhebliche Fortschritte in der Diagnostik und der Therapieplanung. Zugleich warnte der Mediziner jedoch vor überhöhten Erwartungen. "Wir werden durch die Genanalysen zwar Erkrankungswahrscheinlichkeiten für einzelne Patienten bestimmten können, aber ob jemand mit 38 Jahren einen Herzinfarkt erleiden wird, können uns die Gene nicht vorhersagen." Auch im Bereich der Medikamentenverträglichkeit und in der Dosisbestimmung werden die Genchips für die Ärzte Hilfe, aber keine letzten Sicherheiten bieten. "Die Reaktionen des Körpers auf Medikamente werden von Genen bestimmt, aber ebenso von den Lebensgewohnheiten der Patienten, meint Sharma, "wer Alkohol trinkt, muss unter Umständen mit anderen Nebenwirkungen rechnen, als ein Raucher."

Von grossem Wert werde die Analyse individueller genetischer Daten indessen für die Epidemiologie und die allgemeine Gesundheitsvorsorge sein, versicherten beide Referenten des ZEIT-Forums. Sie plädierten für einen offeneren Umgang mit Patientendaten nach amerikanischem Vorbild. Die dortigen Erfolge in der Prävention seien vor allem auf das gute Datenmaterial zurückzuführen, das hierzulande fehle.