Der "gnadenlose globale Forschungswettbewerb" in der Pharmabranche macht die Patentierbarkeit von Gensequenzen zur unabdingbaren Notwendigkeit für die Unternehmen, sagte Bayer-Manager Dr. Wolfgang Ehrenstein beim Zeitforum "Die Natur als Ware" anlässlich der Medica 2000 in Düsseldorf. Durch die Entzifferung des menschlichen Erbguts sei die Zahl der pharmazeutisch nutzbaren Gene von 400 in kurzer Zeit auf 4000 bis 5000 Angriffspunkte für neue Medikmente gestiegen. "Um diese Gene geht der Wettbewerb", so Ehrenstein.

Dagegen sprach sich der international renommierte Patentrechtler Professor Joseph Strauss vom Münchner Max-Planck-Institut für internationales Patentrecht für eine restriktivere Vergabe von Patenten für Gene aus. Die inzwischen verbreitete Entzifferung von Genen durch Roboter alleine könne "keine erfinderische Leistung begründen", sagte Strauss, wenn nicht zusätzlich die Funktion und die gewerbliche Nutzbarkeit der Geninformation erarbeitet wurde. Auch wenn diese Funktionsanalysen automatisch durch computergestützte Datenbankanalysen erhoben würden, sei eine erfinderische Leistung in Frage zu stellen. Auch Claas Junghans, Vorstandsmitglied des Berliner Biotechunternehmens Mologen, kritisierte reine Stoffpatente für Gene: "Das steckt keine Genialität drin", meinte Junghans. Zudem behindern umfassende Patente für reine Gensequenzen die Entwicklung der Biotechbranche: Wenn wir neue Ansätze für Medikamente bei bereits geschützten Genen entdecken, werden wir blockiert. Dann kommen wir nicht mal in die Vorzimmer der Lizenzabteilungen der grossen Pharmakonzerne."

Christian Guggerell, Leiter der Abteilung für Biotechnologie beim Europäischen Patentamt (EPA), verteidigte die Arbeit des Amtes gegen die jüngsten Attacken durch Greenpeace. Die Aufgaben des EPA würden in der Öffentlichkeit missverstanden und von den Medien und Greenpeace falsch dargstellt, sagte Guggerell: "Das Patentamt hat nichts zu erlauben". Die Patentierbarkeit finde ihre ethischen Grenzen bei Verstössen gegen die guten Sitten und die öffentliche Ordnung. Darüberhinaus jedoch tauge das Patentrecht nicht für die ethische Bewertung von Patentanträgen.

Die Auswirkungen der Patente in der pharmazeutischen Forschung für Enticklungländern kritisierte Lumilla Schlageter von "Ärzte ohne Grenzen". Die Pharmaindustrie nutze die internationalen Patentvereinbarungen, um billige Medikamentenversorgung für die bedürftigen Länder zu verhindern.