Die Frage nach dem Sinn der Krankheit aufzuwerfen, wäre noch vor nicht allzulanger Zeit von naturwissenschaftlicher Seite als durchaus unwissenschaftlich hingestellt worden; galt doch nur die rein kausale Betrachtung als die einzig mögliche! Heute aber sehen wir klar, daß die naturwissenschaftliche Darstellung nur einen Bereich im Krankheitsgeschehen erfaßt, und zwar den Bereich, der im Organischen abläuft. Der Mensch ist aber mehr. Das geistige Prinzip durchdringt ihn in allen seinen Teilen, und hier müssen wir die Sinnfrage aufwerfen. Erst dann wird sich uns enthüllen, daß der Mensch in seiner Ganzheit von einer Krankheit erfaßt wird, wie dies zum Beispiel schon darin zum Ausdruck kommt, daß der kranke Mensch von seiner Krankheit spricht, das heißt: er belegt sie mit dem Possessivpronomen. Und wir Ärzte, wir stimmen durchaus zu, denn wir finden, daß gerade in diesem Possessivpronomen etwas zum Ausdruck kommt, was uns immer bewegt, nämlich die Individualität auch im Krankheitsgeschehen. Wir wissen genau, daß beispielsweise eine Tuberkulose oder eine Gicht, oder welche andere Krankheit es immer sei, bei dem einen Menschen anders verläuft als bei dem anderen. Sie wird gewissermaßen in einer für uns schwer durchschaubaren Weise von der Individualität des einzelnen Menschen geprägt. Wie viele Lebensschicksale werden durch Krankheit aus ihrer Bahn geworfen oder in eine völlig andere Richtung gedrängt! Und das Kapitel "Menschheitsgeschichte und Krankheit" ist hochinteressant, das erst noch einmal durchforscht werden müßte. Man bedenke nur das Schicksal der Völker, das geprägt wurde durch Krankheit, durch Krankheit insbesondere der Menschen, in deren Händen die Lenkung der Geschicke gelegen hat!

Daß Krankheit einen Sinn habe, erfuhr man zuerst bei der Erforschung der Neurose durch Psychoanalyse und Tiefenpsychologie. Wir müssen uns aus diesem Grunde mit dem Thema der Neurose etwas näher beschäftigen: Unter Neurose verstehen wir eine Funktionsstörung innerer Organe ohne nachweisbare anatomische Veränderungen. Die Neurose entwickelt sich, wenn seelisch lastende Konfliktsituationen nicht gelöst werden. Ein solcher Konflikt tritt auf zwischen dem Mögen und dem Sollen, zwischen dem Triebverlangen und den Forderungen eines höheren Lebens. Ein Neurotiker geht den zunächst bequemen Weg der Vermeidung einer wirklichen Entscheidung. Er mutet, wie es einmal Weizsäcker sehr schön gesagt hat, einem Organ zu, zu erledigen, was er selbst zu erledigen nicht bereit ist. Ein Beispiel möge dies illustrieren: Eine Frau kommt zu mir, die im Krieg und in der Nachkriegszeit ihrem Mann nicht treu war. Sie erfährt, daß ihr Mann aus der Gefangenschaft zurückkommen wird. Sie wird zu einer schwerwiegenden Entscheidung aufgerufen, entweder mit dem Mann, mit dem sie jetzt zusammenlebt, zu brechen und sich wieder ihrem angetrauten Mann zuzuwenden oder diesem bei seiner Rückkehr die tatsächliche Lage zu sagen und sich von ihm zu trennen. Sie weicht aber aus, sie trifft keine Entscheidung, aber sie bekommt ihr unerklärliches Herzklopfen und Angstzustände. Wir sehen an diesem Beispiel, daß ein Mensch krank wird, wenn er gegen seine innere Wahrheit lebt.

Unwillkürlich taucht hier in unserer Erinnerung auf, daß das Gewissen der Maßstab ist für Gut und Böse, und daß, wer gegen sein Gewissen verstößt, eine Sünde begeht, und nun kommt uns plötzlich in den Sinn: Ja, Sünde und Krankheit ist ja von der Menschheit von je und je in einen Kausalzusammenhang gebracht worden! Und wirklich sehen wir, wenn wir unseren Blick zurückschweifen lassen, daß dieser Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit sich durch das ganze Alte Testament zieht, zum Teil auch durch das Neue Testament, daß das ganze Mittelalter tief erfüllt war von dieser Überzeugung und daß im Mittelalter zum Beispiel in den Krankenhäusern bei der Aufnahme des Patienten die Beichte die Grundvoraussetzung war für das Handeln des Arztes. Und hier sehen wir mit einem Male, nachdem die naturwissenschaftliche Medizin unsere Gedanken zunächst in ganz anderem Sinne gelenkt hat, daß an diesem uralten Menschheitsglauben tatsächlich etwas Richtiges ist. Nun wissen wir aber zugleich, daß die neurotische Störung sich vielfach auch als Folge besonderer Kindheitssituationen entwickelt. Kindheitssituationen, an denen der betreffende Mensch unschuldig ist, an denen er selbst gar nicht sündig wird; aber sündig wurden seine Eltern. Dies heißt, daß man also neurotisch erkranken kann als Folge der Sünden der Eltern. Und hier fällt uns mit einem Male wieder ein, daß in der Lehre des jüdischen Volkes Krankheit nicht nur Sünde der eigenen Person, sondern auch Folge der Sünde der Sippe ist ... Aber dürfen wir denn diese Schlußfolgerung wirklich verallgemeinern?

Wir wissen von einer ganzen Reihe von Organkrankheiten – von Krankheiten, die wir bisher als reine Organkrankheiten betrachtet haben -, daß ein neurotisches Geschehen mindestens eine Teilursache ist. Dazu gehören das Asthma, die Ulcuskrankheit. Mit der Asthma-Bronchiale haben meine Mitarbeiter und ich uns in den letzten Jahren besonders intensiv beschäftigt. Die bisherige Betrachtung des Asthmas nach naturwissenschaftlichen Grundsätzen hatte gezeigt, daß das Asthma sich entwickelt als Folge einer Überempfindlichkeit gegen die verschiedensten Stoffe, diese Überempfindlichkeit löste nun jenen eigentümlichen Krampfzustand der Bronchialmuskulatur aus in einem anfallsartigen Geschehen. Die sich auf diese Erkenntnisse stützende Behandlung benutzte Mittel, die krampflösend wirkten. Es zeigte sich aber, daß die bisherige Art der Behandlung von bemerkenswert geringem Erfolg begleitet war. Wir nun wollten einmal das Asthma nicht im bisherigen Sinne kausal betrachten, sondern final, das heißt: wir wollten einmal die Sinnfrage des Asthmas aufwerfen und gingen dabei von der simplen Tatsache aus, daß ein Mensch in einem Asthmaanfall sich in einem Zustand einer ganz besonderen Angst befindet; ich möchte sagen, es ist die Angst eines Ertrinkenden, es ist eine tiefe, profunde Existenz- und Lebensangst. Und wenn man nunmehr eine Therapie auf dieser Grunderkenntnis aufbaut, so darf ich versichern, daß eine solche Therapie unendlich viel erfolgreicher ist. Nun darf man nicht sagen – und dieser Punkt ist mir wichtig! -, daß es sich bei der profunden Existenzangst und dem Asthmazustand um ein Kausalgeschehen handele. Man darf nicht sagen: "Hier ist ein Mensch, der hat eine profunde Existenzangst, folglich bekommt er ein Asthma." Gewiß liegt eine kausale Verknüpfung in Wirklichkeit nicht vor. Denn welche Beziehung zwischen einer so völlig immateriellen Sache wie einer profunden Existenzangst und einem so drastischen körperlichen Geschehen wie einem kranken Zustand der Bronchialmuskulatur in Wirklichkeit besteht, ist für uns wohl nur sehr schwer zu entscheiden. Man wird den Dingen wohl am ehesten gerecht, wenn man ganz vorsichtig formuliert, daß eben einer profunden Existenzangst im seelischen Bereich ein Asthmaanfall im körperlichen Bereich entspricht. Man kann vielleicht sagen: der Asthmaanfall ist die Ausdrucksbewegung, nicht die Ursache einer profunden Existenzangst.

Wie steht es nun mit den Infektionskrankheiten? Hier scheint doch die Ursache in dem krankmachenden Erreger ganz offensichtlich zu liegen. Nun, es gibt zweifellos Infektionskrankheiten, von denen, wenn sie einmal auftreten, praktische jeder befallen wird. Das beste Beispiel dafür sind die Masern. Doch selbst so schwere Seuchen wie die Pest haben im Mittelalter einen wenn auch verhältnismäßig kleinen Teil der Menschen verschont. Sie kamen und sie vergingen, sie begannen und hörten wieder auf. Und wenn wir andere Infektionskrankheiten mit in den Betracht ziehen, die Diphtherie, den Scharlach oder die Tuberkulose, dann sehen wir, daß immer nur eine verhältnismäßig beschränkte Gruppe von Menschen erkrankt, während eine andere Gruppe trotz gleicher Exposition gegenüber den krankmachenden Erregern von der Krankheit verschont bleibt. Die bisherige Medizin erklärte das mit dem Begriff der Disposition, wobei es aber sehr schwer ist, für diesen Begriff der Disposition wirklich handgreifliche Dinge anzuführen. Alles Faktoren, deren Bedeutung nicht geleugnet werden soll; sicher ist die Erkrankung in der Umgebung Tuberkulöser häufiger als in der Umgebung Nicht-Tuberkulöser. Eine genauere Analyse der seelischen Situation Tuberkulöser aber hat das überraschende Ergebnis gehabt, daß die Tuberkulose sich in Zeiten besonderer Lebenskrisen entwickelt. Hierfür ein besonders eindrucksvolles Beispiel: Eine Krankenschwester pflegt mehrere Jahre auf einer Tuberkulosenstation, ohne krank zu werden. Sie heiratet und scheidet aus. Sie führt eine kurze glückliche Ehe. Ihr Mann fällt im Kriege. Sie kehrt in ihren Beruf zurück, pflegt wieder auf der Tuberkulosenstation, ohne zu erkranken. Sie lernt einen neuen Mann kennen. Kurz bevor sie ihre zweite Ehe antreten will – es war bereits alles festgelegt – erleidet sie einen Blutsturz. Die genauere Analyse dieses Falles ergab, daß die Krankenschwester noch eine sehr starke innere Bindung an ihren ersten Mann hatte, daß sie in ihrer unbewußten Sphäre diese neu einzugehende Ehe als Treuebruch empfand und erlebte. Die Stimme ihres Gewissens warf ihr also Treuebruch vor, und in diesem Augenblick wird ihr Organismus, der jahrzehntelang gegenüber dem Tuberkelbazillus widerstandsfähig gewesen ist, gegenüber dem Tuberkelbazillus empfindlich. – Alles, was wir gegen das Gewissen tun, ist also innere Unwahrheit und Sünde und kann Krankheit zur Folge haben. Die Disposition für Infektionskrankheiten ist nicht nur abhängig, wie man bisher glaubte, von der Exposition, sondern auch von der seelischen Gesamtsituation.

Der Mensch mit seiner Freiheit hat auch die Freiheit, sich aus der Ordnung zu stellen, dann wird sein Leben sinnlos, sinnlos auch seine Krankheit. Wenn er sich aber in der Ordnung weiß, dann weiß er auch um die Aufgabe, die eine Krankheit bedeutet. Die Aufgabe des Arztes aber ist es, nicht nur vom rein Körperlichen her zu helfen, sondern den an sich verstrickten und wenig einsichtigen Menschen zur Sinnerkenntnis seiner Krankheit zu fördern. Dieser Weg aber setzt die Bereitschaft des Kranken, Ordnung zu schaffen, voraus, ja seine aktive Mitarbeit -: er selbst muß sich heilen. Der Arzt kann ihm nur den Weg zeigen und ihm zu einer vertieften Selbsterkenntnis verhelfen. Und hier wird die Grenze ärztlichen Heilens und Handelns überhaupt deutlich: sie liegt nämlich beim Kranken selbst und bei seiner Bereitschaft der Annahme, einer Bereitschaft, die nicht bei allen Menschen erfüllt ist. Und nun merken Sie wohl auf, und ich denke, Sie werden jetzt das, was ich sage, verstehen: Solche Menschen müssen ihre Krankheit behalten, für sie ist Krankheit eine Lebensnotwendigkeit geworden!