Sofort wurde darauf verwiesen, dass in Kaprun technisches Versagen und unzureichende Sicherheitsvorkehrungen zur Katastrophe führten und in Obergurgl offensichtlich Leichtsinn im Spiel war. Trotzdem schien das zweifache Menetekel vor allem eine Botschaft zu verbreiten: dass die Berge dafür gesorgt hätten, der Natur den verloren gegangenen Respekt zu erweisen.

Dennoch: Das Innehalten nach dem Schock blieb kurz. Die staatliche Österreich-Werbung fror für zwei Wochen ihre Winterkampagne ein. Einige schrille Openings wie etwa die Megaparty Viva Winter auf der Zugspitze wurden abgesagt. Andernorts in den Alpen feierte man die lärmigen Eröffnungsevents aus Pietätsgründen diesmal mit leiseren Tönen.

Für eine längere Denkpause bleibt keine Zeit: "Business as usual" heißt die Devise fast überall. Auch in Kaprun, wo jeder Einwohner um Freunde oder Verwandte trauert, werden am kommenden Wochenende wieder die Lifte laufen, selbst wenn die Standseilbahn den Betrieb eingestellt hat. Zu wichtig ist das Winterbusiness. Hunderttausende Arbeitsplätze hängen allein im Winterurlaubsland Nummer eins am Geschäft mit den Skifahrern und Snowboardern, Langläufern und Schlittlern. Und alpenweit wollen über 40 000 Abfahrtspisten bevölkert, 14 000 Seilbahnen gefüllt werden.

Die Tourismusmanager setzen auch auf das kurze Gedächtnis der Urlauber. Selbst in Galtür, wo im Februar 1999 in einer Lawine 31 Menschen starben, hat sich der Skitourismus in der darauf folgenden Saison fast normalisiert. "Ganz klar, wir sind ein Reiseland", sagt der Chef der Tirol Werbung Josef Margreiter nach den jüngsten Katastrophen, "das sich im Winter weiter profilieren will."

Das hat die Alpenrepublik dringend nötig. Denn in der globalisierten Urlaubswelt sinkt der Marktanteil der Alpen beständig. Die Konkurrenten Österreichs sitzen längst nicht mehr in der Schweiz oder in Südtirol. Die klassischen Zielgebiete der Individualreisenden leiden darunter, dass immer mehr Urlauber auch im Winter Ferien von der Stange buchen. Die Charterjets der das Geschäft kontrollierenden Pauschalreisegiganten wie TUI, C & N Touristik oder die Rewe-Gruppe düsen aber vornehmlich über das Alpenmassiv hinweg, und deren konzerneigene Herbergen liegen nicht im Gebirge, sondern fast immer an Stränden der Karibik, auf den Kanaren oder den Malediven.

Die Folge: "Wir sitzen mit riesigen Kapazitäten einer schwindenden Nachfrage gegenüber", sagt der Innsbrucker Tourismusberater Jakob Edinger. Zu viele Seilbahnen, zu viele Pisten, zu viele Hotels. "Von den 1,2 Millionen Gästebetten in Österreich", rechnet Edinger vor, "ist ein Drittel überflüssig." Vor allem jene Anbieter von Privatzimmern, Familienpensionen und Mittelklassehotels, die mangels Kapital ihre Häuser nicht neuen Trends entsprechend modernisieren können, sind von der Pleite bedroht. Und Dutzende Seilbahnen surren nur deshalb weiter, weil sie von den Gemeinden massiv subventioniert oder gleich in Eigenregie geführt werden. Selbst wenn die Lifte oft veraltet sind - ohne das Gerät, fürchten die Dorfhierarchen, würden auch noch die letzten Gäste ausbleiben.

Zwar konnte der Abwärtstrend in den vergangenen Jahren gestoppt werden. Aber: "An einen deutlichen Aufschwung des Alpintourismus glauben wir nicht mehr", meint Jakob Edinger. Es geht darum, nicht weiter an Boden zu verlieren. Das meint auch Martin Uitz, Geschäftsführer der Salzburger Land Tourismus Gesellschaft: "Die Landflucht aus vielen Alpentälern ist gestoppt. Wir sollten zufrieden sein mit dem, was wir haben."