Am vergangenen Freitag um 0.15 Uhr beschlich Finn Zedler ein ungutes Gefühl. Als er sich über den Leuchttisch in seinem Labor beugte, mochte der Biologe von der Hamburger Artus GmbH kaum glauben, was er vor sich sah. Aber die dunklen Partien auf dem belichteten Film ließen keinen Zweifel zu: Im Hirn des Rindes hatte sich der Erreger für BSE breit gemacht. Zedler schreckte seine Kollegen aus dem Schlaf und versicherte sich, ob auch nichts verwechselt worden war. Um 1.20 Uhr, als feststand, dass die Probe aus der Versandschlachterei Richard Basche in Itzehoe stammte, alarmierte Zedler das Unternehmen. Um 3.20 Uhr rief ein erschrockener Veterinär zurück. Das erste deutsche BSE-Rind war aktenkundig.

Der Landwirtschaftsminister steht fest wie eine Eiche

Vier Tage später, als auch die Bestätigungstests positiv ausgefallen waren, konnte sich Zedler etwas Genugtuung nicht verkneifen: "Man kann sich gar nicht vorstellen mit wie viel Ignoranz wir in den Schlachthöfen behandelt worden sind." BSE in Deutschland? "Unfug, Deutschland ist BSE-frei", musste er sich anhören, als er im Auftrag einer Großhandelskette durch Norddeutschland fuhr, um Hirnproben für freiwillige Tests zu sammeln.

Seit vergangenem Freitag nörgelt niemand mehr. Jetzt kann sich Zedler vor Anfragen kaum retten. Allein am Dienstag dieser Woche hat er 400-mal den Test der Zürcher Firma Prionics (siehe Interview) angesetzt. Neue Mitarbeiter werden eingestellt, die Firma zieht demnächst in größere Räume um. Und Zedler ist zur öffentlichen Person geworden, in Tagesschau und heute journal. Ein einziges BSE-Rind brachte zustande, was Hunderte Experten und die EU nicht vermocht hatten: Deutsche Politiker erwachten aus dem Schlaf der Selbstgerechten. Nach dem britischen Beef-Desaster, der französischen B"uf-Katastrophe geht nun die Hackbratenangst um.

Doch einen gibt es, der fürchtet sich nicht: So selbstsicher wie Karl-Heinz Funke (SPD) ist selten ein angeschlagener Minister vor die Presse getreten. Schließlich habe nicht er, sondern das internationale Tierseuchenamt in Paris Deutschland den Status "BSE-frei" gegeben, sagt er; dass der deutsche Landwirtschaftsminister dies unzählige Male wiederholte, scheint ihm kein Anlass zum Selbstzweifel zu sein. Die Tatsache, dass der Wissenschaftliche Lenkungsausschuss der Europäischen Kommission schon im Mai die Vermutung ausgesprochen hatte, dass der BSE-Erreger "wahrscheinlich" auch hierzulande verbreitet sei, ficht den Mann ebenso wenig an. Damals wies sein Ministerium die alarmierenden Begründungen aus Brüssel als "unbewiesene Annahme" zurück. Egal, was man ihm heute vorhält - Funke steht, fest wie eine Eiche.

Doch der Landwirtschaftsminister hat in Wahrheit die unglückselige Tradition seiner Vorgänger Ignaz Kiechle (CSU) und Jochen Borchert (CDU) fortgeführt. Auch ihnen war es gelungen, Maßnahmen gegen den seit Mitte der achtziger Jahre bekannten Rinderwahn zu hintertreiben. Es war die angeblich BSE-freie Bundesrepublik, die jene EU-Vorschrift erst einmal blockierte, nach der "Risikomaterial" wie Hirn, Rückenmark, Augen und Mandeln von Rindern, Schafen und Ziegen aus der Nahrungskette wie aus Futtermitteln verbannt werden sollte. Erst nach langem Tauziehen stimmte Berlin dem Katalog der EU-Maßnahmen zum Schutz vor der BSE-Seuche zu.

Nun stehen Politiker und Experten vor einem Problem. Die verängstigten Menschen wollen von der Wissenschaft Antworten hören und von der Politik Taten sehen. Aber welche sollen es sein?