Claudia Benthien, geboren 1965, arbeitete am Theater als Regieassistentin und studierte in Hamburg, Berlin, St. Louis und New York. 1998 promovierte sie mit der Arbeit "Haut, Literaturgeschichte, Körperbilder, Grenzdiskurse", die 1999 bei Rowohlt erschien. Heute ist sie Assistentin am Institut für Literatur der Humboldt-Universität

"Silence exists not in a literal sense, but as experience." Susan Sontag

Die Sprache hat die Vielfalt bewahrt: Das Schweigen ist tief, andächtig oder ehrfürchtig, die Stille feierlich, wohltuend oder friedlich, aber das Schweigen kann eben auch bleiern, eisig, betreten, beklemmend, bedrückend oder peinlich sein und die Stille auch grausam. Ich untersuche das Schweigen in dem Sinne, in dem Susan Sontag es versteht: als Erfahrung. Weil das Schweigen als künstlerisches Ausdrucksmittel immer mehr an Bedeutung erlangt, versuche ich, seine Bühnengeschichte vom Barock bis in die Moderne zu rekonstruieren, und ziehe, im Sinne einer kulturwissenschaftlichen Erweiterung der Germanistik, neben Dramen und Aufführungszeugnissen auch Bildquellen, philosophische und naturwissenschaftliche Schriften in Betracht. Es geht um die Entstehung einer neuen Mentalität in einer Welt, in der Schweigen nicht länger mit kontemplativer Fülle und dem Kontakt mit dem Göttlichen assoziiert wird, sondern zunehmend für die Leere oder gar das Nichts steht.

Mein Interesse entstand aufgrund zweier Beobachtungen: dass Schweigen kulturgeschichtlich sowohl Präsenz als auch Abwesenheit kennzeichnet. Und dass es im sozialen Kontakt nicht nur für Ohnmacht, sondern ebenso für Macht steht. In der heutigen Gesellschaft des fortwährenden Redens und der Geräuschkulissen wird die Stille zum Skandalon: Schweigen, insbesondere in Gruppensituationen (zum Beispiel in Seminaren), wird heute zumeist als bedrohlich erfahren. Mir geht es nicht so sehr um die psychohistorischen Ursachen derartiger Erfahrungen, sondern vielmehr um die medialen, geschlechtsspezifischen und ästhetischen Bedeutungen des Schweigens.

Kollektives Schweigen produziert eine Atmosphäre, für die gleichzeitig zweierlei charakteristisch ist - die Abwesenheit von sprachlichen Zeichen und die Anwesenheit von ,etwas'. Denn in Schweigesituationen wird erfahrbar, was, in den Worten des Philosophen Gernot Böhme, "gewissermaßen nebelhaft den Raum mit einem Gefühlston erfüllt". In den Kulturwissenschaften ist gegenwärtig viel von einem performative turn die Rede, welcher die langjährige Fixierung der Geisteswissenschaften auf Texte oder Bilder ablösen soll: Es geht nicht mehr nur um die Analyse kultureller Monumente, sondern jene künstlerischen und alltäglichen "Körperinszenierungen", die sich zwischen Menschen ereignen, sollen in den Blick genommen werden. Ihre Analyse erfordert neue wissenschaftliche Beschreibungsweisen, die sich der Flüchtigkeit kultureller ,Aufführungen' annehmen. Methodische Anregungen entlehne ich besonders der Ethnologie und der Theaterwissenschaft; sie sollen mir bei der Beschreibung des prekären Zwischenstatus des Schweigens helfen.

Ob das Schweigen nun feierlich oder beklemmend ist - auffällig sind die Intensität und Unausweichlichkeit derartiger Stimmungen, die sich im Begriff der Herrschaft ausdrücken. Denn man spricht ja davon, dass eine bestimmte Form des Schweigens ,herrscht'. Es manifestiert sich, so scheint es, die stumme Präsenz einer Kraft, die das Individuum ergreift und umhüllt. In künstlerischen Medien werden solche - beglückenden oder auch bedrohlichen - Erfahrungen sowohl gezeigt als auch produziert. Letzteres interessiert mich besonders: Welche Geschichte hat das Schweigen, das in den Künsten geschaffen wird?

Im Barockdrama blieb das Schweigen im Wesentlichen auf die Rede über Schweigen - über die Tugend des Verschweigens und der verbalen Mäßigung - beschränkt. Im 18. Jahrhundert wurden dann Schweigen, Verstummen und Innehalten zu immer bedeutsameren Mitteln sowohl der psychologischen Charakterisierung einzelner Figuren als auch der szenischen Dramaturgie. Doch das Schweigen war eloquent: Die Dichter ersetzten die durch den Abbruch der Rede entstehende Leerstelle durch Körpersprache. Nach und nach entfiel dieser körperliche Subtext, bis schließlich in den Regieanweisungen oft nur noch schlicht "Figur X schweigt" stand. In der Dramatik des 20. Jahrhunderts ist das Schweigen dann keiner Person mehr zugeordnet. Es wird so zu einer zusätzlichen ,Figur' der Aufführung und tritt als eine Art Gegenspieler zu den physisch anwesenden Protagonisten auf. Es steht nicht mehr für etwas anderes, sondern es wird im doppelten Wortsinn zu einer Figur, die Undarstellbares darstellt.