Edgar Allan Poe hat in seiner Kriminalgeschichte Der entwendete Brief eine Denkfigur entwickelt, an der ich mich in meiner eigenen Forschung bewusst orientiert habe. Er setzt seinen Detektiv C. Auguste Dupin einem Hermeneuten gleich, dessen analytischer Spürsinn ihm erlaubt, die Welt wie einen verschlüsselten Text zu lesen. Dupin ist zudem als Einziger fähig, den machthungrigen Minister zu überlisten, indem er einen seine Königin belastenden Brief aus dessen Wohnung zurückzustehlen weiß, den vor ihm keiner der regulären Polizisten ausfindig machen konnte. Der Brief liegt zwar unversteckt obenauf in einem Fächerregal, das am Kaminsims befestigt ist. Doch nur Dupin ist in der Lage, das begehrte Objekt zu erkennen. Denn er allein richtet seine Aufmerksamkeit auf jenes Zeichen, das von allen anderen deshalb unbemerkt bleibt, weil es zu offensichtlich ist.

Das durch einen ungeschulten Blick bedingte Versehen der anderen hat für Poe auch jene intellektuelle Entsprechung, die den Antrieb meiner eigenen Arbeit ausmacht: Wir übersehen gern Dinge, die selbstevident sind, deren Entdeckung für uns jedoch notwendig wäre, um ein kulturelles Phänomen in seiner ganzen Komplexität zu begreifen. Wir kommen erst an für uns nützliche Erklärungen, wenn wir uns angewöhnen, Oberflächenphänomene als komplexe Gebilde zu verstehen, die einer Deutung bedürfen. Uns hat die Psychoanalyse, die für meine Arbeit als Kultursemiotikerin unentbehrlich ist, dafür sensibilisiert, hinter jeglichen Phänomenen einen, wenn nicht sogar eine Vielzahl an teils widersprüchlichen Bedeutungen zu suchen. Die Gefahr bei diesem Blick in die Tiefe ist weniger die der Überinterpretation als vielmehr die, dass ein Interesse für verstellte oder verborgene Sinnebenen andere, die scheinbar keiner Entschlüsselung bedürfen, aus dem Blickfeld verdrängen.

Von der Prämisse ausgehend, dass Kulturphänomene als Symptome unserer eigenen wie auch vergangener Zeiten zu lesen sind - als wären sie Seismograf der Wünsche und Ängste, die uns bewegen -, geht es mir in meiner Forschung darum, einen quer angelegten Blick zu erproben. Mich bewusst der herkömmlichen Fragen- oder Themenstellung verweigernd, versuche ich stattdessen, jeweils einen Topos ins Bewusstsein zu rufen, der bislang übersehen wurde, gerade weil er in vertraute Seh- und Denkgewohnheiten nicht passt. Dies hängt vielleicht damit zusammen, dass ich zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen groß geworden bin und somit jede einseitige, eindeutige oder festgesetzte Art des Betrachtens als Ausdruck kultureller Vorurteile empfinde und stattdessen eine kritische Haltung, die Widersprüche, Inkommensurabilitäten und Unlösbarkeiten hervorhebt, bevorzuge. So beschäftigte ich mich beispielsweise mit den unzähligen Darstellungen weiblicher Leichen oder den changierenden hysterischen Stimmen, die unser kulturelles Bildrepertoire seit der Antike bevölkern, jedoch aufgrund ihrer Allgegenwärtigkeit meist übersehen und als Forschungsbereich nicht ernst genommen wurden.

Die allzu vertrauten, aber verdrängten Todesgestalten, die bekannten, aber ungeliebten dramatischen Gesten der Hysterie wieder ins Blickfeld zu rücken, erlaubt mir einerseits hervorzuheben, wie hartnäckig sich die Tilgung des Weiblichen und der menschlichen Versehrtheit in unserer Kultur bis heute durchsetzt. Es erlaubt mir aber auch die Vielschichtigkeit einzelner Darstellungen - ob im Bereich der bildenden Kunst, der Oper, der Literatur oder des Kinos - aufzuzeigen, egal ob damit eine Selbstauslöschung oder eine übertriebene Selbstinszenierung beabsichtigt ist. Die Anziehungskraft ernst zu nehmen, die Darstellungen des Zersetzenden und sich Verzehrenden auf uns ausüben, hat mir aber auch immer wieder vor Augen geführt: Wir brauchen Geschichten, die das Zufällige der menschlichen Existenz als schicksalhafte Notwendigkeit erscheinen lassen. Erst das Herstellen sinnstiftender Erzählungen erlaubt uns, die Fülle oft widersprüchlicher Daten, die uns von Geburt an prägen, für ein Selbstverständnis produktiv einzusetzen.

So entpuppt sich als zentraler Gestus meiner Arbeit der Versuch, einen grundsätzlichen Widerspruch zu ertragen: sich auf die Texte, die ich zu deuten suche, einzulassen und gleichzeitig, dank meiner kritischen Lektüre, die das Vertraute gegen den Strich zu lesen sucht, an diesem Bildrepertoire auch zu arbeiten, es mir anzueignen und umzugestalten. Mit Nietzsche gesprochen, kann die Geisteswissenschaft durchaus dem Leben nützen: als kritische Arbeit an den Denkfiguren, den Erzählungen und den Mythen des Alltags, die uns so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie gar nicht mehr bemerken, die aber dennoch untilgbar unserem Selbstverständnis wie unserer Wahrnehmung der Welt eingeschrieben bleiben.