Vom "Sprung in ein Haifischbecken" spricht der Soziologe, der nicht genannt sein möchte: "Wenn man unvorsichtig ist, wird man von der Zunft mit Igitt abgestraft." Ein Kollege klagt, ihm schlage von vielen Fachgenossen nichts weniger entgegen als "richtiger Hass". Immer wieder müsse er Sticheleien aushalten, bestätigt ein Dritter - "aber nicht offen ins Gesicht; man kriegt sie von dritter Seite zugetragen". Was haben diese Männer, anerkannte Hochschulprofessoren, getan? Sie haben Interviews gegeben oder in der Zeitung geschrieben. Auch noch als Wiederholungstäter!

Eigentlich doch eine ehrenvolle Sache, wenn Experten die öffentliche Debatte bereichern. Schließlich ist die Wissenschaft einer demokratischen Gesellschaft verpflichtet, welche ihr die Mittel zur Verfügung stellt und, jedermann zugänglich, Ergebnisse sehen, Denk- und Politikanstöße erhalten will. Außerdem ringen gerade die Geistes- und Sozialwissenschaften in offen ökonomischen und latent biologistischen Zeiten um Status und Aufmerksamkeit. Publish or perish, veröffentliche oder verschwinde - die Überlebensregel für aufstiegswillige Forscher gilt zugleich für die Disziplin als solche: Wenn sich die Sozialwissenschaften nicht häufiger in die Öffentlichkeit hinauswagten, so sagt der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer, "dann geht es ihnen an den Kragen".

Doch da herrscht ein Krieg der Welten: Zwar sehen es immer mehr Universitäten ganz gern, wenn ihre Professoren auch mal in der Welt am Sonntag auftreten oder im WDR-Morgenmagazin. Doch dominant scheint noch immer die Auffassung des Bielefelder Soziologen Peter Weingart, dass "Prominenz in den Medien ... kein Indikator für wissenschaftliche Exzellenz" sei, ja nicht einmal sein könnte: "... diese Grenze ist unüberschreitbar." Wenn Wissenschaft und Gesellschaft an der Medienschnittstelle nicht auf Distanz blieben, meint er, sei die Folge "im schlimmsten Fall Verlust der Verlässlichkeit des Wissens und der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft". Von wegen Glück, Glanz, Ruhm für akademische Öffentlichkeitsarbeiter. Der Gießener Politikwissenschaftler Claus Leggewie weiß: "Wer sich in die Medien begibt, der kann als Wissenschaftler darin umkommen."

"Prestigesüchtig", "Dampfschreiber", "Wissenschaftsscharlatan" - gewiss entspringen solche Schmähungen auch jenen hässlichen Gefühlen, die an Hochschulen nicht weniger als anderswo verbreitet sind: Konkurrenz, Eifersucht, Misstrauen. Der Hader kriegt noch Zunder, wenn prominente Forschernamen bei der Bertelsmann Stiftung auftauchen, in Zukunftskommissionen und Kanzlerbeiräten oder wenn über Fernsehhonorare gemunkelt wird; nicht zuletzt durch Auftritte wie jenen des omnipräsenten TV-Erkläronkels Jürgen Falter beim diesjährigen Soziologentag in Köln: "Diese Rolle wächst einfach so auf einen zu", sonnte sich der Mainzer Politikwissenschaftler mit dem gewissen Sound in der Stimme, "wenn man prägnant und mit luzider Kristallität formulieren kann."

Ein Auftritt im "Nullmedium" Fernsehen gilt als Kardinalfehler

Doch nicht nur auf Eitelkeiten können Neider bei ihren Lästereien weisen, sondern auch auf die stets geladenen Teilchen eines grundsätzlichen Spannungsverhältnisses: Erfolg in den Massenmedien bedroht die wissenschaftliche Reputation vor allem deshalb, weil in Radio, Zeitungen und Fernsehen ganz andere, zum Teil gegensätzliche Standards gelten. Da brodelt zum Beispiel der Sprachkonflikt, und damit ist nicht mal die Flucht vor geltungssüchtig aufgeblasenem "Soziologendeutsch" gemeint: Wissenschaftler formulieren Kompliziertes auch zu Recht kompliziert, mit Rücksicht auf die Urheber früherer Forschung, auf die Deutungsgeschichte von Begriffen und eine vielschichtige Realität, der sie sich so exakt wie möglich annähern wollen. Journalisten wollen Letzteres zwar auch. Doch sie fragen rigoros: "Was ist der Punkt?" und lassen Widersprüche, Einschränkendes, Differenzierendes oft weg.

Verknappung bis an (oder über) die Grenze des Zulässigen erzwingt auch das Zeit- und Raumdilemma: Die Fähigkeit, Erkenntnisse in 1-Minute-30- respektive 40-Zeilen-Portionen einzukochen, ist eines der wichtigsten Kriterien der Redaktionen, wenn sie Wissenschaftler auswählen. "Es gibt eine Verbindung zwischen Geschwindigkeit und Denken, und zwar eine negative" - so polemisierte der französische Soziologe Pierre Bourdieu gegen dergleichen Kompetenz-Entertainment; wenn vor allem das Fernsehen immer nur Denkern das Wort erteile, "die als besonders reaktionsschnell gelten", sagt Bourdieu, "dann muss es sich mit fast thinkers abfinden, Denkern, die wie manche Westernhelden schneller schießen als ihr Schatten". Zu häufige, zu hurtige Auftritte im "Nullmedium" gelten daher in der Zunft als Kardinalfehler.