Der Tagebuch- Autor Kohl berichtet : Bei allen Stufen seiner Karriereleiter konnte er sich immer auf meine Unterstützung verlassen. Als es 1984 um die Bundespräsidenten-Kandidatur ging, zeigte Richard von Weizsäcker großes Interesse. Doch es gab erheblichen Widerstand gegen seine Kandidatur. Auch ich zögerte zunächst, habe mich dann aber mit großer Entschiedenheit und Erfolg für seine Kandidatur eingesetzt. Wenn sich also Richard von Weizsäcker heute über das "System Kohl" auslässt, kann ich mich nur wundern. Das "System Kohl" hat ihm nicht geschadet.

So weit Helmut Kohl. Wahr ist: Richard von Weizsäcker hatte sich auf Drängen Kohls schon einmal um die Kandidatur für das Präsidentenamt bemüht und war inzwischen Regierender Bürgermeister Berlins. Karl Carstens stand für eine zweite Amtsperiode nicht zur Verfügung. Weizsäcker war sich sicher, dass nun das Versprechen ihm gegenüber eingelöst und er von seiner Partei nominiert werde. Kohl wollte nicht: Berlin sei zu wichtig, die CDU dürfe diesen Posten nicht riskieren. Dann preschte Franz Josef Strauß vor und garantierte Weizsäcker den vollen Rückhalt der CSU. Auf den Rängen des Berliner Olympiastadions kam es zum lautstarken Streit zwischen Kanzler und Regierendem, Weizsäcker bestand heftigst auf der Kandidatur. Den "Regierenden" werde Kohl auch los, wenn er zu seinem Wort nicht stehe. Ein Reporter der Süddeutschen Zeitung, Volker Skierka, der zufällig hinter den Herren saß, bekam alles mit und hatte seine Story für die "Seite 3".

Und weshalb war Kohl "zögerlich" geworden?

Besonders weil er als Regierender Bürgermeister in Berlin in Fragen der Deutschlandpolitik immer wieder eigene Wege zu gehen versuchte (...) Unübersehbar war der Einfluss gewisser Kreise der evangelischen Kirche in beiden deutschen Staaten auf ihn. Dass er intensive Kontakte zu diesen Kreisen pflegte, führte dazu, dass er in der Frage der deutschen Einheit eine von weiten Teilen der Union deutlich abweichende Vorstellung entwickelte. Weizsäckers Annäherung an den deutschlandpolitischen Kurs der SPD war mit Händen zu greifen.

In seinen Erinnerungen (Vier Zeiten) berichtet Weizsäcker sehr beeindruckt über die erste Begegnung mit dem Mainzer Kohl. Weizsäcker: "Er wusste natürlich sehr genau, dass meine bisherigen Äußerungen und mein Engagement im kirchlichen Bereich durchaus nicht fugenlos in manche der damaligen CDU-Positionen passten, zumal nicht beim Thema Ost- und Entspannungspolitik. Darin sah er offenbar eher einen Gewinn." So war es, aber lang ist es her.

Ich wollte Deutschlands Einheit - das ist zu Kohls ewigem Refrain seit 1990 geworden. Eine frühe, langfristige Politik, die auf die Wiedervereinigung zielte, hatte Kohl nicht, und er erwartete die Einheit auch nicht. Weizsäckers Überlegungen wiederum kreisten darum. Schon 1962 schrieb er in der ZEIT , nur "langfristige Evolutionen" könnten dazu führen, dass die Teilung Europas und damit die Teilung Deutschlands überwunden werde. "Wir müssen unsere Formeln dieser Veränderung anpassen, anstatt sie monoton zu wiederholen." Kohl andererseits hat die Deutschland- und Ostpolitik von Brandt und Schmidt, sobald er im Amt war, allen Vorankündigungen zum Trotz übernommen und versucht, diesen Weg des Modus Vivendi und "Wandels durch Annäherung" (Egon Bahr) weiterzugehen, ohne je das Kind beim Namen zu nennen.