Ausgerechnet ein Softwarekonzern aus den USA mischte vor ein paar Jahren die altehrwürdigen internationalen Lexikonverlage kräftig auf und landete mit der Encarta-Enzyklopädie einen veritablen Hit. Gänzlich ohne Printversion bewies das Microsoft-Lexikon durch die rasche Verfügbarkeit von Daten, Bildern, Filmen und Animationen die Vorzüge des neuen Mediums und überzeugte sogar eingefleischte Computerhasser. Fünf Jahre nach der deutschen Premiere ist die Encarta heute Marktführer, dicht gefolgt vom Brockhaus. Von beiden gibt es außer der Vollversion noch eine abgespeckte Fassung, die auch schon eine respektable Menge Wissen bietet.

Die multimedialen Themenreisen, Animationen und Spielereien sorgen dafür, dass die meisten Lexika nicht nur gleich auf mehreren Scheiben herauskommen, sondern auch im Gebrauch den Nutzer oft zum Diskjockey machen. Aber auch da haben die Verlage inzwischen reagiert: Fast alle elektronischen Nachschlagewerke gibt es auch auf DVD-ROM, einer Scheibe mit bis zu 17 Gigabyte Fassungsvermögen (eine CD-ROM ist auf 650 MB beschränkt).

Seit die Encyclopædia Britannica komplett und kostenfrei im Internet steht, ist den deutschsprachigen Verlagen endgültig die Konkurrenz des Netzes bewusst geworden. Man sucht nach einem reizvollen Internet-Konzept, das aber bitte schön den Kauf der Scheiben nicht überflüssig machen soll. Am weitesten geht Microsoft: Neben aktuellen Quizspielchen und täglichen Fernsehtipps ist unter www.encarta.de schon jetzt knapp ein Drittel der Encarta Plus 2001 online verfügbar. In Amerika soll das verstärkte Online-Angebot den CD-Verkauf erst richtig angekurbelt haben. Wie ist es aber um die Aktualität der digitalen Enzyklopädien bestellt? Wie binden sie interessante Web-Links in ihr Angebot ein? Die ZEIT hat anhand von einigen willkürlich herausgesuchten Ereignissen und Begriffen dieses Jahres den Test gemacht: Was erfahren wir über die Katastrophe des U-Boots Kursk?
Was weiß das Lexikon über Pokémon?
Kennt es die aktuelle Besetzung des Bundeskabinetts und die Kohlsche Spendenaffäre?
Wie stellt es den aktuellen Stand der Genom-Entschlüsselung dar?
Und wie wird ein schwieriger Sachverhalt wie " Entropie" erklärt?

Und wie sinnvoll sind die multimedialen Beigaben, mit denen die Verlage werben?
Die Encarta Plus enthält 13,9 Millionen Wörter, über 45 000 Artikel und 240 000 Querverweise. 18 000 Bild-, Film- und Tonelemente stellen so manchen Sachverhalt besser und einprägsamer dar als viele Worte. So trägt Allen Ginsberg sein bekanntes Gedicht Howl vor. Die kurzen Videos allerdings sind nicht immer erhellend. Wenn die Beatles aus dem Flugzeug steigen und winken, fehlt jeglicher Zusammenhang. Kein Begriff ist hier anwählbar oder mit dem Lexikon verknüpft.

Wer schmökern möchte, lässt sich bei den Themenreisen auf Helden, Idole, Reiseziele oder Kunst und Literatur ein. Viele Texte im Lexikon tragen übrigens journalistischen Charakter. Das lockert den lexikalisch-trockenen Duktus auf, und außerdem dürfen die Autoren - mit Namen und Kurzbiografie genannt - eine eigene Meinung haben. Über das Netz kann der Nutzer seine Encarta alle vier Wochen auf den neuesten Stand bringen. Trotz dieser Möglichkeit verlässt sich die Redaktion offensichtlich bei der Aktualität zu oft aufs Internet. Wer zum Beispiel unter "Bundesregierung" sucht, dem wird zwar brav erklärt, was das für ein Gremium ist. Wer aber die augenblickliche Regierung bildet, bleibt ein Geheimnis - erst über den Link zu www.bundesregierung.de erfährt man mehr. Das ist für ein Offline-Lexikon zu wenig. Nur wer die entsprechenden Namen kennt, erfährt zum Beispiel etwas über die Funktion von Joschka Fischer. Immerhin bietet die Scheibe schon einen langen Aufsatz über Kohls Spendenaffäre.

Wer einen Namen falsch buchstabiert, geht leer aus Zum gesunkenen U-Boot Kursk findet die Encarta nichts. Keinen Treffer gab es auch bei Pokémon oder zur Entschlüsselung des Genoms. Überhaupt gestaltet sich die Suche mitunter schwierig. Zum Beispiel deshalb, weil sie nicht fehlertolerant ist - wer einen Namen falsch buchstabiert, geht leer aus. Und das bei einer Firma, die mit ihren Softwareprodukten die Fehlertoleranz der Nutzer arg strapaziert.

Im ganz neuen Gewand präsentiert sich der Brockhaus Multimedial 2001 premium. Mit 10,5 Millionen Wörtern nahm der Brockhaus gegenüber dem Vorgänger um knapp 60 Prozent an Umfang zu. 98 000 Wörter, die nicht länger im kreuzbraven Design präsentiert werden. Stattdessen eine schlicht-verspielte Präsentation, die geradezu progressiv daherkommt. Bei der Suche nach dem Begriff "Anne Frank" stellt der Brockhaus gleich die entsprechenden Bilder des Mädchens bereit, die sich auf Klick vergrößern lassen. Der Artikel, sorgfältig in der Mitte der Seite positioniert, macht den Leser mit allen Daten und Fakten bekannt. Neu ist, dass der Brockhaus einen recht freien Kontext herzustellen versucht. In diesem Beispiel zum Autor Karel Capek (Der Krieg mit den Molchen), der wie Anne Frank in Bergen-Belsen umgebracht wurde. Aber das war den Mannheimern noch nicht genug: Im so genannten Wissensnetz bietet die Software zufallsgenerierte Kontextvorschläge an. So gelangt man vom Schriftsteller *apek zum Thema Roboter (er hat den Begriff erfunden). Sekundenschnell bietet das Wissensnetz die acht Themen Automatisierung, Mechatronik, Roboterbaukästen, minimalinvasive Chirurgie, Robots, Bots, Open Robot Architecture und Cim an. So lässt es sich tatsächlich prima stöbern. Auch das Bibliographische Institut bietet einen regelmäßigen Update-Service an. Aber selbst die neueste Version kennt weder Kursk noch Pokémon, die Entschlüsselung des Genoms ist bei ihr noch frommer Wunsch. Immerhin werden aberKohls Verfehlungen kurz gestreift.