Hans-Jochen Vogel, Kuratoriumsmitglied im Förderverein der Ausstellung Vernichtungskrieg, fand die richtigen Worte. Auf einer Pressekonferenz im Tiefparterre des Hamburger Instituts für Sozialforschung in der vergangenen Woche bekundete er doppelten Respekt: zum einen für die alten Ausstellungsmacher um Hannes Heer, die es, ungeachtet der von ihnen zu verantwortenden Mängel und Fehler, verstanden hätten, ein wichtiges, lange beschwiegenes Thema in die öffentliche Diskussion zu bringen; zum anderen für den Institutsleiter Jan Philipp Reemtsma, der die Ausstellung zurückgezogen und eine unabhängige Historikerkommission mit der Überprüfung beauftragt hatte. "Das Einzige, was man mit Fehlern machen kann, ist, sie zuzugeben und nicht zu wiederholen", bekräftigte Reemtsma seinen Entschluss - eine Maxime, die weder unter Wissenschaftlern noch Politikern und schon gar nicht unter Journalisten selbstverständlich ist.

Der Unterschied zur Pressekonferenz vor einem Jahr hätte größer nicht sein können. Damals glich der Auftritt Reemtsmas und Heers einem Canossagang. "So sehen Verlierer aus", höhnte der Spiegel. Diesmal präsentierte sich der Institutschef, der sich im August von seinem Ausstellungsleiter getrennt hatte, ebenso selbstkritisch wie selbstbewusst. Er äußerte sich zufrieden darüber, dass der Bericht der Kommission die Ausstellungsautoren und das Institut "gegen überzogene Kritik eindeutig verteidigt" und die Grundthese vom "intentionalen Vernichtungskrieg" als dem Forschungsstand entsprechend bestätigt habe. Zugleich versprach er, die beanstandeten Mängel - eine undifferenzierte Argumentationsweise, die Verwendung plakativer Stilmittel und den schlampigen Umgang mit Fotos - zu beheben, darüber hinaus auch neuen Forschungsergebnissen Rechnung zu tragen. Von der Vorstellung, mit einer bloßen Überarbeitung der alten Ausstellung sei es getan, müsse Abschied genommen werden.

Was Reemtsma vorlegte, ist in der Tat das Konzept für eine ganz neue Ausstellung, die außer dem Titel Vernichtungskrieg mit der alten nicht viel gemein haben wird. Herzstück wird nicht mehr das "Eiserne Kreuz" sein mit den vielen unkommentierten Bildstrecken, sondern ein Rondell, das den Verbrechensbegriff anhand des damaligen Standes des Kriegs- und Völkerrechts in den Mittelpunkt rückt. Denn die alte Ausstellung, so Reemtsma, habe den Eindruck erweckt, als stelle sie sich "gleichsam auf ein Plateau avancierter Zivilität und blicke hinab in eine archaische Zeit, in der keine Regeln gegolten hätten". Die bisherige Gliederung nach Großschauplätzen (Serbien, der Weg der 6. Armee, Weißrussland) wird ersetzt durch eine neue Kapitelstruktur. In sechs Räumen werden unterschiedliche Dimensionen von Verbrechen gezeigt: Hungerpolitik, Kriegsgefangene, Partisanenkrieg, Repressionen/Geiselnahme, Deportationen von Zivilisten, Völkermord. In jedem Raum soll das jeweilige Verbrechen kontextualisiert und mit der Darstellung exemplarisch ausgewählter Tatorte verbunden werden, um, wie es heißt, "die Interdependenz von Intentionalität und situativer Dynamik" in den Blick zu bekommen.

Ein eigener Raum wird dem Thema Fotos gewidmet. Damit wird ein Lernprozess im Umgang mit dieser schwierigen Quelle transparent gemacht, der für die Geschichtswissenschaft von großer Bedeutung sein könnte. Dass an Stelle von selbstgewisser Rechthaberei die Bereitschaft zur Selbstreflexion getreten ist, dokumentiert das Institut auch dadurch, dass im Eingangsraum "Nachkriegsdebatten über die Verbrechen der Wehrmacht", die Auseinandersetzung um die alte Ausstellung, ihren Platz finden wird. Verlassen wird der Besucher die neue Ausstellung durch einen Bereich, der die Spannbreite individueller "Handlungsspielräume" von Wehrmachtssoldaten zeigt - von Verweigerung und Widerstand auf der einen bis zum freiwilligen Erfüllen eines Übersolls an Mord und Vernichtung auf der anderen Seite. Damit kann dem immer wieder geäußerten Vorwurf, die Wehrmacht solle als Kollektiv kriminalisiert werden, entgegengewirkt werden.

Jetzt ist die Enkelgeneration am Zuge

Das neue Konzept setzt nicht mehr auf Schock und Provokation, sondern auf ein Höchstmaß an Genauigkeit und Differenzierung. Das wurde auch in dem brillanten Vortrag von Ulrike Jureit deutlich, die am Beispiel der Ermordung der Kiewer Juden in der Schlucht von Babij Yar Ende September 1941 das arbeitsteilige Vorgehen von SS- und Wehrmachtsseinheiten erläuterte. Anhand von Originalfotos vom Schauplatz demonstrierte sie, wie unzuverlässig die Zuschreibungen in vielen Archiven sind und welcher Anstrengungen es bedarf, um dem dokumentarischen Wahrheitsgehalt auf die Spur zu kommen.

Jureit ist Sprecherin eines Teams von 15 Historikerinnen und Historikern, die Reemtsma für das neue Projekt engagiert hat. Die meisten sind in den sechziger Jahren geboren, gehören also bereits der Enkelgeneration an. Den krampfhaften Bemühungen vor allem der Frankfurter Rundschau, die Wehrmachtsausstellung als Agitpropunternehmen unbelehrbarer Alt-68er zu denunzieren, wird damit jeder Boden entzogen.