"Als wir die ersten Gläser Grasbowle getrunken hatten, hörten wir einen Hubschrauber. Er landete vor uns, heraus kletterte David Bowie. Wer hatte den denn in unsere Kommune eingeladen?"

Geschrumpfte Welt. Ich entfliehe einfach allem, was mich gerade umgibt: Lärm, Dreck, Autos, fremde Menschen, falsche Freunde - und den Radiosendern, die mich verrückt machen, weil sie alle immer das Gleiche spielen.

Geschrumpfte Welt heißt für mich: Ich gründe eine Kommune, in der genau hundert Menschen Platz finden: Meine Eltern, deren Freunde, meine Freunde und deren Freunde und Kinder. Sehr viele Kinder. Alleine ich habe drei: Tom, Sara-Lu und Jimmy. Entzückende Kinder, allerdings schon etwas frech und vorlaut. Ich fürchte, sie haben vor mir keinen allzu großen Respekt. Jeder in dieser Kommune hat Jobs, die für so eine autarke Gemeinschaft wichtig sind: Metallbauer, Schreiner, Klempner, Koch, Gärtner und - Schneider. Das ist mein Job: Schneiderin. Schon als Kind wollte ich nicht etwa Schauspielerin oder Moderatorin werden und schon gar nicht so rumzappeln und so enorm viele Zigaretten rauchen, nein: Schneiderin. Das kann ich gut in dieser Gemeinschaft. Leute anziehen. Wie gut ich wirklich bin, muss ich allerdings bei einer ganz besonderen Party unter Beweis stellen. Doch dazu später.

In meiner Traum-Kommune leben wir nicht abgeschottet von der Welt, aber wir erfinden sie ein bisschen neu. Natürlich lieben wir uns alle heiß und innig, haben Respekt voreinander und tolerieren andere Ansichten. Die Beziehungen sind intakt, niemand fühlt sich gezwungen, mehrere Partnerschaften gleichzeitig zu haben oder sich gar scheiden zu lassen.

Die Symmetrie unseres Zusammenlebens gestalten wir vor allem durch eine besondere Architektur: Das Areal unserer Kommune besteht aus niedrigen Blockhäusern, die alle durch Brücken miteinander verbunden sind, sodass man schnell beim Nachbarn ist. Der zentrale Meeting-Point ist ein Platz, um den die Häuser gruppiert sind. Hier wird auch das Frühstück eingenommen, im Freien. Die Bauern unter uns richten jeden Morgen eine Tafel her, auf der Selbstgepflanztes, Selbstgebackenes und Gesottenes anmutig abgelegt wird.

An einem dieser Kommunentage stehe ich um 9 Uhr auf und stelle fest: Meine Kinder sind schon weg. Ich werfe mir ein kurzes Seidenkleid über, renne auf den Marktplatz, greife schnell nach grünen Weintrauben, Käse und Baguettes, stopfe mir alles, während ich laufe, in den Mund, um fix zu meinen Kindern zu kommen. Sie spielen in einem eigens für Kids errichteten Kinderdorf. Sie sehen mich und rufen: "Du kannst wieder gehen, uns geht es gut." Ich schnaufe vom Laufen und nehme sie alle drei in die Arme. Sie befreien sich schnell, und Sara-Lu bemerkt: "Mami, dies ist unser Dorf. Bitte gehe wieder zu den Erwachsenen." Ich brummle kurz, respektiere aber den Wunsch meiner Kinder, unter sich bleiben zu wollen.

Ich schlendere gemächlich zurück zum Marktplatz und treffe auf Roman, mit dem ich am Abend zuvor einen heftigen Disput hatte. Es ging um den Import einer Elektrogitarre. Grundkonsens unserer Gemeinschaft ist: Nichts von "draußen", es sei denn Medikamente. Ich stritt mit ihm, ob es nicht auch Ausnahmen geben könne, denn unsere Kommunenband hat wundervolle Instrumente, aber leider keine E-Gitarre, mit der man die Musik ein bisschen anschärfen könnte. "Nein, Heike", hatte Roman resolut unseren Disput versucht zu verkürzen, "kein fremdes Gut auf unserem Hof." Ich hatte mächtig geschmollt, denn Smoke on the Water kann man nun wirklich ohne eine verdammte Stratocaster nicht spielen.

Heute Morgen sah Roman friedlich aus. "Na, Süße", sagte er wie Peter Falk zu seiner Assistentin, "Ärger weggeschlafen?" Ich antwortete nicht, aß ein paar Trauben und küsste ihn freundschaftlich auf die Stirn. Es war kurz vor Mittag, ich hatte Sehnsucht nach David, meinem wundervollen Mann, der in der Schreinerei arbeitete. Doch zuvor wollte ich sehen, was der Koch machte. Die Küche sah aus wie ein Kriegsschauplatz. Es gab Rote-Bete-Suppe, und Tim, ein blonder Mann mit blauen Augen, hatte sich beim Schälen der Rüben völlig eingefärbt. Überall Spritzer wie von Blut. Seine Hände sahen aus, als hätte er seine Haare ohne Handschuhe mit Henna gefärbt. "Hi, Tim", sagte ich, "kann ich was tun?" Ich schwang mich auf den Fenstersims. "Schon mal 30 Zwiebeln geschält, klein geschnitten und nicht dabei geheult?", fragte er. "Oh nein. Wie geht das?" - "Du musst die Zwiebeln nach dem Schälen einfach mit Wasser abwaschen, dann brennen deine Augen nicht." Ich griff nach einem scharfen Messer und machte mich ans Werk. David konnte warten, obwohl ich ganz schön Lust auf ihn hatte.

30 Zwiebeln später stand ich vor ihm in der Schreinerei. "Hört mal, Jungs", sagte er, "ich geh mal eben was erledigen." Die anderen grinsten frech. Er packte mich an den Hüften, trug mich auf die Straße und schleppte mich in unser Haus. Nach einer guten halben Stunde war er wieder in seiner Schreinerei und sah ziemlich entspannt aus.