Das Wetter will sich nicht beruhigen. Seit dem frühen Morgen regnet es auf das Dach des lindgrün getünchten Fachwerkhauses. Ein Mann fährt vor, den niemand erwartet an diesem trüben Novembertag. Der Fremde schaut sich fragend um, doch er zweifelt nicht, dass er hier richtig ist. Rosenstraße Nummer 11, Center-Apotheke. Das muss sie sein, die Adresse, nach der er suchte. Die Eingangstür ist verschlossen, die Schaufenster im Erdgeschoss sind mit Werbepappen zugestellt, die Jalousien in den oberen Stockwerken heruntergelassen. Der Fremde trägt Turnschuhe, Rollkragenpullover, eine altmodische Lederjacke. Unter dem Arm hat er einen Camcorder, in der Hand einen Briefumschlag. Die langen Strähnen seines Haarkranzes flattern im Wind. Der Fremde lächelt, als er auf dem granitgrauen Treppenabsatz vor dem Haus zwei abgebrannte Teelichter entdeckt, die sich langsam mit Regenwasser füllen. Er sagt: "Das ist ein schönes Detail."

Die Tochter des Hauses hat das Klingeln der Notglocke gehört. Sie winkt den Fremden zum Hintereingang. "Ich möchte nur etwas abgeben", sagt der Mann zur Mutter des Mädchens, reicht den Brief hinein, wartet an der Schwelle. Eine Potsdamer Adresse steht auf der Rückseite des Kuverts, kein Name. Die Apothekerin öffnet den Umschlag. Sie hat Mühe, sich auf die handschriftlichen Zeilen in schwarzer Tinte zu konzentrieren. "Ich bin Filmregisseur", schreibt der Absender, die Blechtrommel habe er gemacht, beispielsweise. Er sei schon auf dem Weg zu ihr, auf dem Weg in den hintersten Winkel Deutschlands, denn dieser Fall habe alles, was ein Spielfilm brauche. "Volker Schlöndorff" steht ganz unten, und die Apothekerin beginnt zu begreifen: "Das ist doch ein berühmter Name?" - "Ach", sagt der Fremde, der nun einen Namen hat und noch immer am Türrahmen lehnt, "lesen Sie erst mal den Brief in Ruhe. Ich komme später wieder."

Es muss etwas Wichtiges passiert sein in der sächsischen Kleinstadt Sebnitz, wo die Durchgangsstraße in den tschechischen Wald führt, etwas so außergewöhnlich Wichtiges, dass Volker Schlöndorff einer Apothekerin persönlich eine Nachricht überbringt. Das Wichtige, es macht die Tage zuvor in Schlagzeilen von sich reden. "Neonazis ertränken Kind", meldet die Bild-Zeitung am Donnerstag, 23. November, "und eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen." Eine Meldung, ungeheuerlich: keine Nachricht, ein Nachtmahr - von so beklemmender Brisanz, dass es sich wohl nicht um eine vom Boulevard gemästete Ente handeln kann.

Deutschland lernt den "kleinen Joseph" kennen, Deutschland schaut auf 01855 Sebnitz. Sind in Sachsens Hinterland Neonazis über ein Kind hergefallen? Haben es geschlagen? Gefoltert? In einem Spaßbad ersäuft? Am helllichten Tag? Und haben 300 andere Badegäste dabei zugeschaut und nichts gesehen? Nichts gehört? Nichts gesagt? Nichts sagen wollen? Deutschland im Herbst: Das Schlimmste ist immer das Naheliegendste. Aber in diesem Fall tauchen bald Zweifel auf an dem, was da vorlaut und vorschnell hinausposaunt wird.

Genauere Recherchen nähren die Skepsis an der Substanz des Kriminalfalls. Späten, spektakulären Festnahmen auf Zuruf der Bild-Zeitung folgen Anfang der Woche kleinlaute Freilassungen von Verdächtigen. Die Zahl der Mordtheorien nimmt zu: Waren nur drei Täter am Werk? Oder doch vier? Fünf? Hat ein in Sebnitz tobender "Apotheker-Krieg" das Motiv geliefert? Steht die Familie des Opfers im Zentrum einer Jahre währenden fremdenfeindlichen Verschwörung? Die deutsch-irakische Apothekerfamilie von Neonazis umzingelt?

Die Lage ist wirr. Und die schwersten Vorwürfe basieren ausschließlich auf privaten Ermittlungen der Familie. Vom Todestag des sechsjährigen Joseph an sammeln die Mutter Renate Kantelberg-Abdulla, der Vater Saad und die Schwester Diana Aussagen, Berichte, Zeugen, sie fertigen Tonbandabschriften, Tatortskizzen: die Akte Joseph liegt der ZEIT vor. Aber kann diese Geschichte vom öffentlichen Kindsmord wahr sein? Arbeiten die Trauernden ihr Leid am Konstrukt eines Mordkomplotts ab? Ist am Ende alles nur erfunden? Fantastisch gut ausgedacht?

Die schieren Fakten sind rar: Joseph Abdulla starb am 13. Juni 1997 ziemlich exakt um 15 Uhr im Dr.-Petzold-Bad. Mit seiner Schwester Diana und zwei Freunden hatte er das Freibad ausweislich der an einem Automaten gestempelten Eintrittskarte um 14.23 Uhr betreten. Eine gute halbe Stunde später war er tot. Die Leiche lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Grund des an dieser Stelle 1,35 Meter tiefen Schwimmbeckens. Wiederbelebungsversuche der Schwester, eines Badegastes und eines Rettungsschwimmers blieben erfolglos, auch der nach 20 Minuten eintreffende Notarzt des Arbeiter-Samariter-Bundes konnte nicht mehr helfen. Er vermerkte in der Todesbescheinigung für Joseph Abdulla, geboren am 21. Juli 1990 in Bagdad: "Ertrinken beim Spiel im Wasser".

Ein Jahr vor Josephs Tod war die Familie nach Sebnitz gekommen. Das irakisch-deutsche Apothekerehepaar - es hatte sich beim Studium in Marburg kennen gelernt - war den Golfkriegen entflohen und suchte einen ruhigen Platz zum Leben. In der Sächsischen Schweiz glaubten sie ihn gefunden zu haben: Fachwerkhäuser und enge Gassen, umgeben von Wäldern und Hügeln, ein mittelalterliches Städtchen, 10.000 Einwohner. 

Vor hundert Millionen Jahren war hier einmal das Meer. Vor zehn Jahren haben fast alle Industriebetriebe Pleite gemacht. Seinen Stolz bezieht Sebnitz aus der Kunst der Seidenblumenfabrikation. Bis 1989 arbeiteten 2500 Menschen im VEB Kunstblume. Heute ist jeder Fünfte in der Stadt arbeitslos. Die CDU regiert mit absoluter Mehrheit. Die NPD holte bei den letzten Kommunalwahlen 6,5 Prozent und hat im Landkreis mehr Mitglieder als die SPD. Die lokale Shinhead-Kameradschaft nennt sich White Warrier Crew. Billigen Schnaps und Zigaretten holt man sich auf den schäbigen Basaren hinter der Grenze. Als die Familie Kantelberg-Abdulla eintraf, gab es bereits zwei Apotheken am Ort. Bald machten Gerüchte die Runde, beim Araber bekomme man schon mal ein falsches Medikament, denn der spreche ja nicht so gut Deutsch. Und die strenge, selbstbewusste Westfrau Kantelberg wirkte auf die Ureinwohner arrogant und überemanzipiert. Als der Sohn stirbt, liegt die Familie mit der halben Stadt im Streit. Und die halbe Stadt mit ihr.