Der Mann weiß nicht, worauf er sich einlässt

er kann es nicht schaffen.

Dem designierten Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin dies vorab zuzurufen, fällt leicht - vor allem von Berlin aus, der Stadt der halb kriminellen kulturpolitischen Hochstapelei, des mafiosen Parteienfilzes, der geradezu sowjetischen Renitenz gegen Effizienzsteigerung, Sparsamkeit und Bürgerfreundlichkeit in den Verwaltungen. Berlin bleibt vorerst das wichtigste Betätigungsfeld des Kulturministers, auch wenn inzwischen eine erheblich gesteigerte Gereiztheit zwischen Bund und Ländern im kulturellen Politikfeld dazukommt.

Der 1954 geborene Julian Nida-Rümelin stammt aus einer Welt, die gegensätzlicher zum heutigen Zustand von Berlin nicht gedacht werden kann. Am Münchner Wilhelmsgymnasium hat er eine exzellente humanistische Bildung (neun Jahre Latein, fünf Jahre Griechisch) erhalten, in der wunderbar altmodischen und menschenfreundlichen Kulisse eines Renaissance-Palazzos aus dem 19.

Jahrhundert. An der Münchner Universität studierte er Philosophie bei Wolfgang Stegmüller, damals in der Nach-Heidegger- und der Nach-Adorno-Zeit noch immer der fast einzige und wichtigste Vertreter der analytischen Philosophie angelsächsischen Zuschnitts in Deutschland. Bei Stegmüller las man Wittgenstein und Quine, T. S. Kuhn und Popper, Kripke und Putnam. Von Homer und Horaz zu Quine und Kuhn - das ist eine helle, aufgeräumte Welt, so klassizistisch wie die Stadt München mit ihren italienisch-griechischen Architekturkopien und den unnachahmlich dezenten Klassikerinszenierungen Dieter Dorns an den Kammerspielen, die seit zwei Jahrzehnten ein getreulich mitalterndes Publikum entzücken. Nida-Rümelin engagierte sich früh in der SPD

sein akademisches Fachgebiet wurde Theorie der Ethik. Er wollte Verbindungen herstellen zwischen dem, was im Seminar verhandelt wurde, und der wohl bestellten Welt draußen.

Als er vor zwei Jahren - inzwischen längst Professor in Göttingen und Autor mehrerer gelehrter Bücher - Münchner Kulturreferent wurde, fiel er zunächst durch die etwas schulmäßige Sprache auf, in der er seine Konzepte erläuterte.

Teilhabe sei das vorrangige Ziel der Kulturpolitik in den siebziger Jahren gewesen ("Kultur für alle"), heute gehe es wieder um Wertsetzungen, um das Ethos der Begründung

Kulturpolitik müsse sich um die "kulturelle Infrastruktur" (die Institutionen) kümmern, um die "kulturelle Bildung" (verstanden auch als Austausch zwischen verschiedenen "Lebensformen") und auch um die Kunst selbst - nämlich ihrer Marginalisierung entgegenwirken, sie wieder in den "öffentlichen Raum" zurückführen.

Dann aber tat der hagere, immer modisch gekleidete Professor etwas, womit niemand gerechnet hatte: Er beendete den Vertrag von Dieter Dorn als Intendant der Kammerspiele, um Frank Baumbauer nach München zu holen. Der wohlerzogenste Sohn seiner Stadt stürzte ein Denkmal, verrückte das zentrale Möbelstück im bürgerlichen Wohnzimmer. Großes Aufsehen, Stimmengewirr, Uneinigkeit. Der bayerische Staat engagierte Dorn für die Bühne auf der anderen Straßenseite, das Residenztheater

die Süddeutsche Zeitung fragte: "Ein guter Mann geht, ein guter Mann kommt. Wo ist eigentlich das Problem?"

Und plötzlich brausten tiefsinnigere Botschaften, als München sie gewohnt ist, in die Stadt: Gegen den Stegmüller-Schüler entsicherte Peter Sloterdijk den Nietzscheanismus, sprach von der Verjagung eines "Genies", erklärte, dass wieder mal das "Niedere dem Hohen den Rang abläuft", unkte höhnisch vom "Vorrang der Demokratie vor der Begabung" und beschimpfte Nida-Rümelin als Exponenten des "leistungsbereiten Mittelmaßes". Dorn selbst sprach vom "bestangezogenen Stück Seife" Münchens.

Das war die Feuertaufe, doch viel ist auf sie nicht gefolgt. Nida-Rümelin brachte Kunst in den öffentlichen Raum, das heißt, er ließ während der Adventszeit Lichtschnüre über die winterlichen Straßen Münchens ziehen, was einigen Spott erregte. Der Kulturhaushalt wurde aufgestockt

ein paar akademische Foren zogen in der traditionell unintellektuellen Stadt München vornehmlich Insideraufmerksamkeit auf sich. All das reicht noch nicht, um aus dem designierten Minister wirklich ein beschriebenes Blatt zu machen. Nur eines muss man sich merken: Nida-Rümelin, der Philosoph, der so gern von Demokratie als Kooperation und vom Brückenschlagen handelt, kann auch zuschlagen.

Im Übrigen hat Sloterdijk vermutlich Recht

aber was heißt schon "leistungsbereites Mittelmaß", und was soll schlecht daran sein? Die westeuropäischen Nationen mit ihren Elitehochschulen kennen seit je den gebildeten, weltläufigen Technokraten - einen Typus, der in Deutschland zwischen dem barocken Kurfürsten (Helmut Kohl und die Landesherren) und dem Originalgenie (Michael Naumann) bisher nicht vorgesehen ist. Nach dem Absolutismus und dem Sturm und Drang treten wir mit Nida-Rümelin, wenn wir Glück haben, ins bürgerliche Zeitalter ein.

In der wohl sortierten Gedankenwelt des neuen Staatsministers kommt es derzeit vor allem auf die Sicherung der "kulturellen Infrastruktur" an. Viele Entscheidungen der Bundeskulturpolitik sind noch immer nicht endgültig geworden

in Berlin und Ostdeutschland werden, wenn nicht sehr rasch etwas geschieht, bald reihenweise Museen, Bibliotheken und Theater einfach zusammenbrechen. Die Situation ist unklar, nicht zuletzt verfassungsrechtlich, und man begreift, dass Nida-Rümelin lieber ein Bundesministerium hätte, als mit Haut und Haar vom Kanzler abzuhängen.

Nach der brillanten Anschubhysterisierung, mit der Michael Naumann die Kulturpolitik zu einem nationalen Thema gemacht hat, ist in der augenblicklichen Krisensituation ein Manager, der von der tristen Realität nicht allzu sehr durch eigene Affekte abgelenkt wird, vielleicht gar nicht fehl am Platz. Das angezeigte und vermutlich auch wirkungsmächtige Bündnis von Kulturstaatsminister und Berliner Kultursenator, das zwischen Naumann und Christoph Stölzl nicht gelingen wollte, hat nun seine zweite Chance. Die beiden Münchner könnten sich nationale Verdienste erringen, wenn sie gemeinsam die vielköpfige Hydra der Berliner Faulheit, Korruption und Intriganz besiegen würden.

Vergessen wir also vorerst Nida-Rümelins Leitartikel in Interviewform zur Leitkultur, zum preußischen Erbe in Berlin, zum Wertekonsens als Basis der Demokratie

warten wir ab, wie er auf dem kaum aufgerissenen Boden der Bundeskulturpolitik agiert. Die politische Planung müsse weit über 2002 hinausreichen, erklärt Nida-Rümelin. Seine persönliche gehe vorerst bis 2002.

Der Göttinger Lehrstuhl wartet immer noch auf ihn. Das kann in einem Umfeld, in dem die meisten ums Überleben in den Apparaten kämpfen, ein Moment der Stärke, aber auch der Schwäche sein. Es hängt davon ab, was man daraus macht.