Nein, eine "häkelnde Oma auf dem Sofa" ist sie nicht. Mit solchen Klischees kokettiert Rosmarie Pierer nur. Zwar ist sie in Ehren erblondet und inzwischen 82 Jahre alt. Aber: "Ich habe mehr Power als alle anderen hier zusammen." Die "anderen", ihre sechs Mitarbeiter, nehmen solche Sprüche gelassen. Fest steht, dass die Chefin ein Energiebündel ist. Schon in den fünfziger Jahren machte sie mit hoch technisierten Ton-Bild-Shows Furore.

"Der Begriff Multimedia meinte früher Audiovision. Jetzt hat er eine ganz andere Bedeutung bekommen", sagt die Pionierin. "Alles, was ich und meine Branche gemacht haben, ist ins Internet geflossen." Sie blieb am Ball. Beim Hamburger Netzwerk der digitalen Wirtschaft, dem newmedia.network mit 1800 Mitgliedern, ist Rosmarie Pierer seit eineinhalb Jahren dabei - und hält dort unangefochten den Altersrekord.

"Sie müsste noch mal 80 Jahre vor sich haben für all das, was sie noch plant und will", sagt Jürgen Möller, Chef der Image Design Factory (IDF), die als Multimediaunternehmen im kommenden Jahr den Börsengang plant. Beim Club der Hamburger Online-Kapitäne, der Szeneparty des Netzwerks, hat er Rosmarie Pierer kennen gelernt. Und seither schon verschiedene Projekte mit ihr verwirklicht. Mal geht es um die Multimediapräsentation eines Ölkonzerns in Kuwait, mal um einen Website-Baukasten, mit dem Telekom-Kunden ihre eigene Seite ins Netz stellen können. Möller: "Frau Pierer hat gute, moderne Ideen - trotz ihres hohen Alters."

Ein prachtvolles Jugendstilgebäude im feinen Hamburg-Eppendorf. Der Hausflur strahlt in Weiß und Gold, mit tiefblauen Kacheln, Marmor und stuckgefassten Spiegeln. "Studio Pierer" steht im Parterre geschrieben. Das klingt furchtbar altmodisch und somit schon wieder modern. Vor allem aber weckt es Assoziationen an Zeiten, als sich der Name Pierer allein mit Fotografie verband. Gleich nach der Schule war die Abiturientin aus dem ostdeutschen Bernburg an der Saale, die Agfa im Gepäck, zum Arbeitsdienst verpflichtet worden. Acht Jahre blieb sie dort, half in der Landwirtschaft - und fotografierte. Noch während des Krieges erschienen ihr erster Bildband und auch ein Dokumentarfilm, als Vorprogramm für die Kinos.

Später tauschte sie einen Teppich gegen eine Rollei. Und ein Winzerfest, wo sich mit Porträtfotos erste D-Mark verdienen ließen, brachte 300 Aufträge ein - genug für die Ausstattung einer Dunkelkammer. "Ich habe die Menschen immer schon mit meiner Begeisterung überzeugt. Sie haben gemerkt, dass ich rangehe wie Blücher." 1952 ergatterte Rosmarie Pierer den Großauftrag, für das Landwirtschaftsministerium eine Warenkunde-Show zu realisieren - als Multivision mit zwölf Projektoren, per Lochstreifen gesteuert von Lichtlesegeräten. Das Publikum war überwältigt, so etwas hatte es in Deutschland bis dahin nur einmal in einer Kodak-Präsentation gegeben. Pierer: "Bei einer Multivision muss eine Gänsehaut zurückbleiben."

Immer mehr Projektoren, eine Dramaturgie aus weichen Überblendungen und harten Schnitten, dazu Musik, Originaltöne und Sprecherkommentare.

Schließlich auch bewegte Bilder, Videos, die in das Spektakel integriert wurden, alles computergesteuert. Oder, wie 1987 bei der Nivea-Präsentation für Beiersdorf, leibhaftige Tanzeinlagen inmitten der Flut aus Bildern und Tönen. Von Hapag-Lloyd über Gruner + Jahr und die Bitburger-Brauerei bis hin zu Unilevers Rama-Show in den Neunzigern: Über Jahrzehnte sammelte Rosmarie Pierer große Namen im Auftragsbuch. Das ist auch im Internet-Zeitalter noch einiges wert. "Im Vertriebsbereich ist sie wirklich ein Wahnsinnsweib", sagt IDF-Chef Jürgen Möller. "Sie schafft es immer wieder, Unternehmen und Behörden für ihre Ideen zu begeistern. So bringt sie Leute an einen Tisch, dass ich nur staunen kann. Und zieht dann die Dinge straff durch."