Obwohl die Beteiligten vom Dialog der Religionen noch nie gehört haben, beginnt die Nacht mit einem Toleranzbekenntnis. "Wir Christen- und Muslimkinder feiern heut ein Fest", gibt der Sänger Ahmad Mahmud Schubayr die erste Zeile des Refrains vor, um von seinem Publikum den Chorus Allahu Akbar zu hören - "Gott ist am größten". Zuvor ist es Ahmad und seinen drei Musikern gelungen, das muslimische Glaubensbekenntnis La ilaha illa llah ("Es gibt keinen Gott außer Gott") mit solch rhythmischem Schwung vorzutragen, dass auch den zahlreich versammelten Christenkindern nichts übrig blieb, als die Hüften zu schwingen, in die Hände zu klatschen und in den Refrain einzustimmen: Allahu akbar!

Das Fest, das in dieser kaum drei Meter breiten, staubigen Sackgasse in einem Dorf nahe der oberägyptischen Provinzstadt Assuan gefeiert wird, ist die Hochzeit eines jungen christlichen Paares. Auf einer blumengeschmückten Bühne am Kopf der Gasse thront es und überblickt die Menge von rund 200 stehenden und sitzenden Freunden, Nachbarn und Verwandten. Letztere sind an ihrer festlichen Kleidung zu erkennen, die Männer mit Anzug und Krawatte statt der traditionellen galabiyya, die Frauen und Mädchen in bunt glänzenden, mit zahlreichen Rüschen verzierten Abendkleidern, die belegen, dass Rokoko auch Afrika erreicht hat.

Quer zur Bühne des Brautpaars steht eine zweite, kleinere Bühne, auf der sich die Musiker drängen: der Sänger, ein Lautenspieler und zwei Trommler. Ihre Musik heißt kaff, "Handfläche". Das Besondere an dieser oberägyptischen Volksmusik ist die Beteiligung der Zuhörer, die den Rhythmus und das Thema der einzelnen Lieder vorgeben, ohne dass es je etwas von der Angestrengtheit deutsch-alternativen Mitmachtheaters hätte. Jeweils vier bis sechs junge Männer aus dem Publikum klatschen einen Rhythmus, der von den Musikern sofort aufgenommen und variiert wird, woraufhin die Klatschenden die Variation wiederum übernehmen, dann aber verändern, sodass die Musiker unverzüglich reagieren müssen und die Klatschenden durch Anwandlungen musikalisch herausfordern - und so weiter. Die von Mal zu Mal leicht abgewandelten Wiederholungen steigern sich nach Situation und Stimmung in ein rauschhaftes Tempo, bis fast alle, Frauen und Kinder eingeschlossen, ausgelassen tanzen und die Gasse einer Freiluftdiskothek gleicht, mit Staubwolken statt Trockeneis und, dank einer bis zum Anschlag aufgedrehten Musikanlage, in diskothekenüblicher Lautstärke. Mitten auf der Tanzfläche werden Tee und Coca-Cola gereicht und unternehmen zwei Männer akrobatische Bewegungen mit der Videokamera und dem Scheinwerfer. Nach einer Weile verebben Musik und Tanz, eine neue Gruppe von klatschenden Männern, die je aus einem Viertel, Straßenzug oder Nachbardorf stammen, formiert sich, und der Reigen beginnt von vorn. Manchmal geht das zwei Stunden so, manchmal bis zum Morgengrauen. Vorhersehen kann das niemand.

So wie die Musik vollständig improvisiert wird, entstehen auch die Verse spontan. Der singende Dichter "spürt", wie er es im Gespräch am nächsten Tag ausdrücken wird, das Publikum und wartet auf die Verse, die von selbst entstehen. Die Klatschenden antworten, indem sie Stichworte, Halbverse oder Fragen rufen und den Sänger so auf neue Motive, Themen und Verse bringen. Die Inhalte dieser improvisierten Dichtung könnten vielfältiger nicht sein: das Leben im Dorf und die Nachrichten aus der Stadt, Geschichten von den Anwesenden und den Daheimgebliebenen, die Lokalpolitik und die Nahostfriedensverhandlungen, die aktuellen Fernsehserien und die Lehren des Korans, Drogen und immer wieder die Liebe. Selbst die Auslandspresse findet in der Poesie des Ahmad Mahmud Schubayr ihren Platz. Als ihm jemand zuflüstert, dass sich ein Berichterstatter unter den Gästen befinde, weist er diesem sogleich einen Ehrenplatz zu und bedenkt ihn, seine Leser und sein Land mit Willkommensversen.

Ahmad Mahmud Schubayr ist, mag auch seine Popularität sich auf die Dörfer und Kleinstädte Oberägyptens beschränken, ein großer Künstler, ein Entertainer von trockenstem Humor, gleichzeitig ein Romantiker und scharfzüngiger Chronist seiner Lebenswelt. Auf dem Stuhl sitzend, die Knie unter der Galabiyya übereinandergeschlagen, die Zigarette in der linken, das Mikrofon in der rechten Hand, das glatt rasierte Gesicht mit dem fein geschnittenen Schnurrbart äußerlich vollkommen unbeteiligt, wirkt er inmitten seiner wirbelnden Musiker so lässig-arrogant wie Chet Baker, während er sein Publikum doch gleichzeitig so mitreißt und beherrscht wie Mick Jagger in seinen besten Augenblicken. Man muss tatsächlich an die Pop- und Jazzkultur denken, will man etwas Vergleichbares aus einem westlichen Kontext anführen, denn mit gemütlicher Folk-lore oder gar dem melodischen Schrecken deutscher Fernsehvolksmusik hat dieser kaff nichts gemein. Er ist laut, schnell, spontan und nicht nur für westliche Ohren schrill. Um Authentizität scheren sich die Beteiligten nicht; alles, was ihnen zu Ohren kommt, kann Eingang in ihre Kunst finden, von den Klassikern der arabischen Primadonna Um Kelthum bis zu den aktuellen Schlagern und sogar Melodien aus der Werbung. Gelegentlich blickt Ahmad auf den Berichterstatter hinab und zieht - in Augenblicken der höchsten musikalischen Erregung und der eigenen Wirkung in vollem Maße gegenwärtig - die Mundwinkel einige Millimeter in die Höhe, als ob er ihm sagen wollte: Da staunst du, was?

Geschichtenerzähler im Kampf mit dem Fernsehen

Kaff ist nur eine von mindestens sechs eigenständigen Gattungen der oberägyptischen Volksdichtung. Es gibt den marbuu, den namim, die mawawil, die ganazir sowie die verschiedenen Formen des Geschichtenerzählens, die unter dem Begriff funun as-sira zusammengefasst werden. Sie haben ihre je eigenen Traditionen, ihre Fangemeinde, ihre vergangenen Legenden und gegenwärtigen Größen, aber ihnen allen ist gemein, dass sie erst in der Begegnung zwischen den Künstlern und ihrem Publikum, bisweilen auch in der poetischen Kommunikation von mehreren Dichtern entstehen. Die Improvisation ist selbst für jene Erzähler wesentlich, die von einer Vorlage ausgehen. Das Epos vom Kriegerstamm der Bani Hilal etwa, das in voller Länge an die 70 Stunden dauern würde und über Ägypten hinaus in der ganzen arabischen Welt bis tief in die Sahara singend vorgetragen wird, ist zwar in groben Zügen dem Publikum bekannt, doch entscheidet sich oft erst während des Abends, welche Wendung die Geschichte nehmen wird. Weil manche Dörfer für den einen, manche für den anderen Helden Partei ergreifen, zeichnet es den begabten Barden aus, die Stimmung unter den Hörern schnell zu erfassen und jeweils demjenigen Helden ein gutes Ende zukommen zu lassen, der die Sympathien genießt, nicht ohne ihn vorher den größten Gefahren, Nöten und Demütigungen ausgesetzt zu haben. Als wahrer Meister erweist sich, wem es gelingt, ein Publikum zu beglücken, in dem jeder der Helden seine Anhänger hat. Die widerstreitenden Emotionen hat der Barde durchaus zu schüren, andererseits aber die Situation eben in dem Augenblick zu beruhigen, da sie in ernsthafte Konflikte oder gar Tumulte umzuschlagen droht.