An Mahnungen hat es nicht gemangelt. Welch absurde Konsequenzen die moderne Landwirtschaft zeitigen würde, ahnte schon vor mehr als 70 Jahren der Anthroposoph Rudolf Steiner, der als Urvater des ökologischen Landbaus gilt. Zu Fleischfressern geworden, würden sich die Rindviecher "mit allen möglichen schädlichen Stoffen ausfüllen". Und die "würden nach dem Gehirn gehen, und der Ochse würde verrückt werden", prophezeite Steiner bereits 1923.

Zwar wusste auch Steiner nicht mehr als die modernen Wissenschaftler, die heute nach den Ursachen und Übertragungswegen des BSE-Virus suchen - und nach wie vor im Dunkeln tappen. Aber er spürte, dass eine nicht artgerechte Tierhaltung höchst ungesunde Konsequenzen haben würde.

Der Rinderwahn ist nur die groteske Spitzenleistung einer irrwitzigen Wirtschaftsweise, die dem Endverbraucher schon seit langem allerlei Zumutungen beschert: Schweinepest, Hormonkälber, Dioxinhühner - modernes Essen bereitet oft mehr Ekel denn Genuss. Und nicht nur das. Die einseitig auf Produktivitätssteigerung ausgerichtete Agrarwirtschaft sowie die erzwungene Trennung von Pflanzen- und Tierproduktion haben ausgerechnet das naturverbundene Landvolk zu Naturfrevlern gemacht.

Das Umweltbundesamt (UBA) kommt zu einem erschreckenden Befund: Um möglichst billig möglichst viel produzieren zu können, seien die Landschaften "ausgeräumt" und der Boden überdüngt worden. Durch Malträtierung mit immer schwererem Gerät habe der Verlust von Ackerboden auch hierzulande bereits "ein gefährdendes Ausmaß" angenommen. Und die in den Massentierställen oft genug prophylaktisch als Masthilfe verabreichten Antibiotika, so die jüngste Hiobsbotschaft, fänden sich in bedrohlichem Umfang in Gülle und Kot wieder. Welche Gefahren dadurch den winzigen Bodenorganismen oder dem Grundwasser drohen, wissen die Experten noch nicht. Womöglich tickt hier eine weitere Zeitbombe, für den Menschen kaum weniger bedrohlich als BSE. Selbst zum Treibhauseffekt trägt die Landwirtschaft nach UBA-Angaben rund zehn Prozent bei - der zur Produktion importierter Futtermittel aufgewandte Energieeinsatz ist dabei nicht einmal berücksichtigt.

Die Erkenntnisse, vom UBA vor drei Jahren in einer mehr als 300 Seiten starken Studie namens "Nachhaltiges Deutschland" zusammengetragen, sind keineswegs neu. Schon lange vorher hatte der mittlerweile verstorbene Nestor der Agrarökonomie, Hermann Priebe, die "subventionierte Unvernunft" namens Agrarpolitik gebetsmühlenartig angeprangert. Und auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, immerhin ein von der Bundesregierung berufenes Expertengremium, mahnte 1985 eine andere Agrarpolitik an. Doch Politiker und Lobbyisten erwiesen sich gegenüber sämtlichen Warnungen und Mahnungen zur Umkehr als resistent. Selbst im rot-grünen Koalitionsvertrag konnten sich SPD und Grüne nur auf kosmetische Korrekturen des alten Kurses einigen. Erst der Schock des ersten BSE-Falls hierzulande hat bei manchem Politiker einschließlich des Bundeskanzlers nun Zweifel an der Logik der industriellen Agrarproduktion gesät.

Das nach jahrelangem Schlendrian in der vergangenen Woche hektisch beschlossene Tiermehlverbot und flächendeckende BSE-Tests reichen freilich nicht aus, um Mensch und Natur nachhaltig zu schützen. Beispielsweise seien Rückstandskontrollen allein am Endprodukt unzureichend, meint der Vorsitzende des Agrarausschusses des EU-Parlaments, der deutsche Grüne Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf. Sie müssten vielmehr ergänzt werden durch "Prozesskontrollen". Will heißen: Nach dem BSE-Skandal, dem "Tschernobyl der Landwirtschaft" (Baringdorf), gehören sämtliche Produktionsverfahren, und damit auch die Agrarpolitik selbst, auf den Prüfstand.

Die Blaupause für die überfällige "Landbau-Wende" liegt schon seit Jahren vor. Entwickelt und per Computermodell auf Machbarkeit geprüft hat sie der Ökonom und Mathematiker Arnim Bechmann, Gründer des Instituts für ökologische Zukunftsperspektiven in Barsinghausen bei Hannover. Sein Vorschlag für eine "zukunftsfähige" Landwirtschaft: ökologischer Landbau - und zwar flächendeckend. Dies sei nicht nur "die emotional sympathischste Form der Landwirtschaft"; die vom Ökolandbau ausgehenden Risiken für Mensch und Natur seien zudem "im Gegensatz zur herrschenden Landwirtschaft als gering einzustufen". Vor allem aber, so Bechmanns Botschaft: Der Verzicht auf Kunstdünger und Masthilfsmittel einerseits, artgerechte Tierhaltung und bodenschonende Fruchtfolge andererseits führten weder ins Reich der Nahrungsmittelknappheit, noch müsse der Umbau am fehlenden Geld scheitern. Im Gegenteil: Würden die irreführend als "Marktordnungsausgaben" deklarierten Milliarden, die tatsächlich der Überschussverwaltung und -beseitigung dienten, als Technologiesubventionen dem Ökolandbau zugeleitet, könnte die Umstellung kostenneutral erfolgen. Nach 35 Jahren, so Bechmann, könne der Spuk der konventionellen Landwirtschaft dann der Vergangenheit angehören.