Halb im Ernst, halb im Spaß hatte George Walker Bush einem amerikanischen Journalisten im Wahlkampf einmal seine Angst gebeichtet, man werde wohl immer seinen Vater als "Mister President und mich als Mini-Ausgabe ansehen". Da saß er nun vor den Kameras, zwei Landesfahnen im Rücken, das amtliche Endergebnis von Florida in der Tasche, und erklärte dem Volk, er sei bereit, die Präsidentschaft zu übernehmen. Aber der Rollenwechsel vom Wahlkämpfer zum Präsidenten will so schnell nicht gelingen, da hilft auch die verblüffende Ähnlichkeit mit dem Vater nichts. Jeden Moment, so scheint es, wird er zur Seite schielen und fragen: "Mache ich das richtig?"

Der Erfolg des George W. Bush ist auf den ersten Blick ein unerklärliches Phänomen, wenn man sich seine Biographie ansieht: Jede Menge Anekdoten über Trunksucht, jede Menge undementierter Gerüchte über Kokainkonsum, eine erfolglose Laufbahn als Geschäftsmann in der Ölbranche, dann ein erfolgreicher Auftritt als Besitzer eines Baseball-Teams, schließlich anderthalb Legislaturperioden als Gouverneur eines Bundesstaates, in dem Gouverneure repräsentieren aber kaum regieren. Im Hintergrund immer der Familien-Klan, der ihm mit Geld und Beziehungen schlimmere Bauchlandungen ersparte und neue Türen öffnete. Ein solcher Lebenslauf eines Kandidaten ist normalerweise der Alptraum aller Wahlkampfmanager. Aber George W. Bush ließ seine Vita zu einer populären, weil klassisch amerikanischen Geschichte umschreiben: Aus dem einst ziellosen und saufenden Sohn aus gutem Hause wird ein geläuterter Politiker und Familienvater, der über Nacht dem Alkohol abschwört, die Bibel entdeckt und als erfolgreicher Südstaaten-Gouverneur aus seiner persönlichen Erfahrung eine neue, sanfte Ideologie gegen das kalte Washington formt: Den mitfühlenden Konservatismus, der die religiöse Transformation zur Voraussetzung der gesellschaftlichen Veränderung macht.

Nun wäre diese Verdichtung zur Wahlkampf-Legende nicht so einfach zu stricken gewesen, hätten die Medien etwas stärker daran gekratzt. Manchmal waren Bushs Wahlkampfmanager selbst erstaunt, was man ihrem Mann alles durchgehen ließ: Im Wahlkampf spielte er den soldatisch geschulten Patrioten, aber den Vietnam-Krieg hatte er mit Vaters Hilfe in der texanischen Nationalgarde aussitzen dürfen. Als Gouverneur unterstützte er drakonische Strafen für Drogenkonsumenten, Gerüchte über seinen eigenen Kokain-Konsum heftete er unter der Rubrik Jugendsünden ab. Doch so traf jedes Element dieser Geschichte einen Nerv des amerikanischen Selbstverständnisses: die quasi religiöse Erweckung; das Recht, die Vergangenheit abzustreifen und sich gewissermaßen neu zu erfinden; das tiefverwurzelte Ressentiment gegen den Zentralismus.

Das machte den Erfolg allein nicht aus: Bush konnte diese Mischung auch erfolgreich präsentieren. Grammatikalisch waren seine Auftritte manchmal eine Katastrophe, stimmungsmäßig waren sie meist ein voller Erfolg. So hilflos er im präsidialen Ambiente wirkt, so selbstsicher und souverän trat er am Ende vor euphorischen Massen im Wahlkampf auf. Mit offenem Hemd und Cowboy-Boots, dem Machismo des anti-intellektuellen Underdogs und dem Pathos des moralisch Überlegenen: Trocken, tief gläubig und treu. Ein Großteil seiner Termine waren Photo-Ops, Interviews, zeremonielle Auftritte oder Kontaktpflege mit Lobbyisten, Wahlkampfspendern und Abgeordneten. George W. Bush selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm längere Sitzungen, Details von Gesetzentwürfen oder politische Grundsatzdebatten ein Greuel sind.

"Was der nicht weiß, interessiert ihn auch nicht", erklärte ein Familienfreund. Er gebe wie Ronald Reagan die großen Linien vor und delegiere den Rest, sagen seine Mitarbeiter in Texas. In diesem Fall passte das Naturell des Gouverneurs zur politischen Struktur seines Staates. Nirgendwo hat sich die Aversion gegen das Politische radikaler niedergeschlagen als in derVerfassung dieses Bundesstaates. Das Parlament darf nur alle zwei Jahre für maximal 140 Tage zusammentreten. Der Gouverneur ist vieler exekutiver Kompetenzen beraubt. Diese sind auf eine Vielzahl von Verwaltungsausschüssen verteilt. Er hat kein Kabinett, und sein Stellvertreter ist als Vorsitzender des Haushaltsausschusses mächtiger als er selbst. So bewältigte Bush nach Recherchen der "New York Times" als texanischer Gouverneur seinen Arbeitsalltag in der Zeit "von neun bis fünf mit zwei Stunden Mittagspause".

Viel Regierungserfahrung kann einer da nicht sammeln.

Die Entscheidung über Hinrichtungsbefehle hat Bush einmal zu den "gewichtigsten Aufgaben meines Amtes" erklärt. "Ich untersuche jeden Fall gründlich." Nach Auskunft seines Büros hat er auf jeden seiner über 130 Hinrichtungsbefehle durchschnittlich 15 Minuten verwendet. Das ist ein amerikanischer Rekord, und Bush ist wie die meisten Texaner uneingeschränkt stolz auf diese Praxis. Als er am Ende des Wahlkampfs plötzlich die Abschaffung der Todesstrafe (death penalty) forderte, waren seine Anhänger nicht weiter berunruhigt. Ihr Mann hatte sich wieder einmal im Wald der Substantive verirrt und die Erbschaftssteuer (death tax) gemeint.