Paul Maar, 63, war Kunstlehrer an einem Gymnasium bei Stuttgart, konzentrierte sich dann aber auf seine größte Kunst: Geschichten erzählen und malen für Kinder und junge Leute. 1973 erfand er sein erfolgreichstes Geschöpf, das furchtlose Sams, das aus seinem "Papa", Herrn Taschenbier, einen selbstbewussten Menschen macht. Für seine Bücher ist Maar vielfach ausgezeichnet worden, zweimal mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis

Als Kind war ich ein Träumer und gehörte zu den Kleineren und Schwächeren. Mein Vater prophezeite mir, dass aus mir nie etwas Rechtes würde. Der Eisenhans wurde damals zu meinem ständigen Begleiter. Wie der Prinz in Grimms Märchen, der seine goldenen Haare unter einem Käppchen verbarg, würde ich meinem Vater eines Tages zeigen, was in mir steckt.

Mit fünf Jahren konnte ich lesen. Meine Mutter hatte mir immer wieder mit großer Geduld die Wörter vorgelesen, auf die ich deutete. Zum Beispiel diejenigen auf den Verpackungen der Putzmittel: Ata oder Imi. Sie war meine zweite Mutter, meine "richtige" Mutter, wir nannten sie "Himmelmama", war bei meiner Geburt gestorben. Zum Geschichtenvorlesen hatte meine Mutter allerdings keine Zeit, weil sie in der Gastwirtschaft meiner Großeltern in Thermes, einem kleinen Dorf bei Schweinfurt, mithelfen musste. Eines Tages beim Einkaufen drückte sie gegen die Tür, und ich korrigierte sie: "Da steht ,ziehen'." Da bemerkte sie, dass ich Lesen gelernt hatte.

In unserer Dorfschule wurden alle vier Klassen in einem Raum unterrichtet. Wir Erstklässler mussten Sätze lesen wie Anna hat den Ball, hat Anna den Ball, den Ball hat Hans. Ich habe dem Lehrer gesagt, ich wolle lieber Geschichten lesen, lernen müsse ich das Lesen ohnehin nicht mehr. Das hat er nicht geglaubt und ließ mich einen Text ganz hinten im Buch vortragen, den ich nicht kennen konnte.

Ich trug ihn vor, durfte in die dritte Bank zu den Drittklässlern und wurde als Vorbild gelobt. Das war nicht gut. Die Großen haben mich Knirps nun gehasst. Sie zogen mich an den Haaren und schubsten mich, wenn ich schrieb, sodass ein Strich quer durchs Heft ging. In der nächsten Rechenstunde sollte ich mit den Drittklässlern das Einmaleins mit der Zahl sechs aufsagen, doch das konnte ich nicht. Künftig saß ich also beim Rechnen bei den Erstklässlern und zum Lesen bei den Großen. Aber ich blieb ein Einzelgänger.

Das wurde erst anders, als ich aufs Gymnasium nach Schweinfurt kam. In den Naturwissenschaften blieb ich eine Niete, konnte aber die Fünf in Chemie mit Einsen in Deutsch und Kunst locker ausgleichen. Ich genoss Ansehen, weil ich den Ruhm der Schule mehrte: So gewann ich etwa den Plakatwettbewerb für eine Liederkranz-Aufführung von Mozarts Requiem und kümmerte mich um die Deko für den Schulfasching.

Mein Künstlerimage habe ich sehr gepflegt. In der neunten Klasse trat ich auf wie Aristide Briand von Toulouse-Lautrec: Mit rotem Schal und schwarzem, zusammengedrückten Hut radelte ich morgens zur Schule. Wir waren reine Jungenklassen - bis zur 13. Da kam ein Mädchen zu uns vom Internat, weil sie ihr Abitur an einer staatlichen Schule machen wollte. Als das Klassenfest anstand, losten wir, wer sie zu Hause abholen durfte: Wir schrieben Zettel, warfen sie in meinen Hut - und ich zog Cornelia. Wir haben lange getanzt, und später wurde Nele meine Frau.