Fontaine: Es ist teilweise unbefriedigend. Das heißt, gemessen an den Kriterien, die das Europäische Parlament als wichtig betrachtet, also Effizienz und Demokratie, habe ich nicht den Eindruck, daß diese Ziele so ganz erreicht wurden. Dies ist meine persönliche Meinung, das Parlament hat sich ja noch nicht geäußert. Es gibt zwar auch positive Fortschritte. Aber in der Frage der qualifizierten Mehrheit - eine Bedingung dafür, daß die Union Entscheidungen trifft - sind wir sehr enttäuscht.

Heinemann: Wer ist für diese Unzulänglichkeiten verantwortlich?

Fontaine: Es geht jetzt nicht darum, einen Sündenbock zu suchen oder zu klären, ob die Verhandlungsführer oder ihre Gesprächspartner schlecht gearbeitet haben. Das ist nicht das Problem. Die Atmosphäre war vielmehr nicht so, daß die europäischen Interessen den nationalen oder auch der Lage in einzelnen Staaten übergeordnet worden wären. Die nationalen Interessen und Rücksichtnahmen waren bezeichnenderweise bis zum Schluß stärker. Es gab keinen europäischen Schwung.

Heinemann: Zeigt das Beispiel Spaniens und Großbritanniens, daß am Ende die nationalen Egoismen den Sieg davontragen?

Fontaine: Ich habe nicht das Wort "Egoismus" verwendet, ich sprach vielmehr von nationalen Interessen. Ich persönlich glaube, daß Tony Blairs Spielraum wegen der bevorstehenden Wahl sehr eng war. Es ist kein Geheimnis, daß er wegen der sehr antieuropäischen Einstellung seiner politischen Gegner in bestimmten Fragen nicht nachgeben konnte. Das alles zeigt, daß den Regierungskonferenzen enge Grenzen gesetzt sind. Daher ist es nötig, daß man nun, so wie Deutschland dies wünscht, neue Methoden entwickelt - wie etwa im Falle der Grundrechte-Charta - und abrückt vom Verfahren der Regierungskonferenzen.

Heinemann: Was schwebt ihnen vor?

Fontaine: Zur Ausarbeitung der Grundrechte-Charta haben sich Vertreter der nationalen Parlamente und des europäischen Parlaments, Vertreter der Regierungen und die Kommission an einen Tisch gesetzt. Und dies im engen Kontakt mit der Zivilgesellschaft. Dies führte zu beinahe einstimmigen Ergebnissen, die, sowohl was die Resultate betrifft, als auch die Methode, vorbildlich waren. Man kann sich sehr gut vorstellen, daß ein entsprechendes Verfahren beim Nachdenken über die künftigen Themen angewendet wird. Übrigens halte ich die Erklärung des Gipfels zur Zukunft der Union für gelungen: Sowohl der zeitliche als auch der inhaltliche Fahrplan stimmen: die Verteilung der Kompetenzen, die Rolle der nationalen Parlamente, die Vereinfachung der Verträge - dies sind alles für die Zukunft wichtige Fragen.