Wer den Roman Elementarteilchen von Michel Houellebecq auf die Bühne bringen will, braucht schon den bedingungslosen Willen zur Zeitgenossenschaft. Bei Frank Castorfs Volksbühne ist dieser Wille natürlich gegeben; die langwierige Vorbereitung des Events - Rainald Goetz gab den Auftrag zur Dramatisierung zurück, die Premiere wurde verschoben, ein öffentliches Gespräch mit dem Autor platzte, als schon Hunderte Zuschauer im Saal saßen - machte seine Realisierung zu einer Frage der street credibility, der Zeitgeistkompetenz für die Volksbühne.

Der Konzeptkunstcharakter solcher Ereignisse, die Medienbegleitung vorab, die steigende Spannung eines gleichwohl äußerst skeptischen Publikums, der Run auf die Premiere bis hin zu den Bildern im RTL-Nachtjournal noch am selben Abend - all das ist am Ende wichtiger als das theaterästhetische Gelingen. Mit der Kunst- autonomie ist es ohnehin vorbei, wenn man sich darauf geeinigt hat, dass ein Werk wie das Houellebecqs den "Nerv" unserer Gegenwart berührt. Dass die Premiere eine fade, überwiegend quälend zähe Angelegenheit war, ist fast egal; zu bedauern sind nur jene Zuschauer, die das nach der Premiere, im laufenden Spielbetrieb durchstehen müssen, für die der Event zum langweiligen Theaterabend schrumpft.

So roh und unbehauen, teilweise lieblos hat selbst Castorf schon lange kein Stück mehr auf die Bühne geworfen; es waren nur zwei oder drei Viertelstunden des insgesamt über vierstündigen Abends, in denen der Regisseur, sozusagen fürs Protokoll, zeigte, dass er der Meister ist, als der er gilt. Dieses Ächzen und Würgen zeigt, dass die ironische Distanz der Volksbühne zum Westen, ihr Standortvorteil des halb Draußen- und halb Drinnenseins, langsam, aber sicher verbraucht wird. Schon in den Inszenierungen von Sartres Schmutzigen Händen und der Dämonen nach Dostojewskij kündigte sich der Abschied von der Kapitalismuskritik zugunsten fundamentalerer, existenzieller Stellungnahmen an.

Nun nistete nach dem Mauerfall in der weltanschaulichen Ruinenlandschaft Ostberlins von vornherein eine latente Bereitschaft fürs Religiöse und zur reaktionären Kulturkritik: nur kein Liberalismus! "Ohne Glauben leben", das Motto der letzten Spielzeit, kündete von einem Verlust, den im Westen lange Zeit niemand zu spüren schien. Bis Houellebecq seinen Siegeszug antrat. Jetzt trat Liberalismuskritik als westeuropäisches Massenphänomen auf: als Pop. Eine Herausforderung für die Volksbühne, die so zwingend war, dass sie darüber ihre Souveränität eigentlich schon verloren hatte. Man stelle sich vor, Castorf hätte die Sache nach dem Rückzug von Goetz abgeblasen! Es wäre nicht das naheliegende Scheitern des Theaters vor einem Thesenroman gewesen, sondern eine Kapitulation vor der Gegenwart.

Die "Thesen" Houellebecqs sind bekannt: Die emanzipatorische Freisetzung der Sexualität, die Auflösung ihrer alten Einhegungen durch Ehe und Familie, hat die letzten Barrieren zwischen dem Einzelnen und dem Markt niedergerissen. Das Sexualleben entwickelt sich nun nach dem Muster einer liberal deregulierten Konsumwirtschaft, in der die atomisierten Individuen Anbieter und Abnehmer zugleich sind; das eigene Selbstwertgefühl und der Wert jedes anderen sind einem ununterbrochenen brutalen Wettbewerb ausgesetzt. Liebe und Eros verdampfen und schrumpfen zum nackten biologischen Vollzug der Sexualität, deren Zweck aber nicht Fortpflanzung ist, sondern die egoistische Lustmaximierung. Biologisierung und Zwecklosigkeit gehen eine paradoxe Verbindung der Erbarmungslosigkeit ein; Triebhaftigkeit und Leere kumulieren sich zu einem grässlichen Ekel am Leiblichen.

Ein Schrei nur aus der Tiefe des Sündenpfuhls

So die Thesen. Bei Houellebecq richtet sich der polemische Fokus aber viel mehr auf die emanzipatorische Ideologie, die diese Praxis begründet, als auf die Marktförmigkeit, die dabei in die menschlichen Beziehungen eindringt. Man erinnere sich im Vergleich dazu nur an die Diagnosen Pasolinis, den vergessenen Vorläufer Houellebecqs in den siebziger Jahren. Der italienische Kommunist hatte von Anfang an die systemstabilisierende Funktion nicht nur der sexuellen Libertinage, sondern auch von Reformen wie der Ehescheidung und der Abtreibung erkannt. Der Abbau moralischer Schranken diente schon für Pasolini der "konsumistischen" Gleichschaltung der italienischen Gesellschaft (ohne dass Pasolini deshalb die Notwendigkeit dieser Reformen bestritten hätte).