Manchmal wünscht man, der Mensch hätte nie den Schritt an Land getan, würde immer noch durch den Ozean dümpeln, Plankton durch seine Barten filtern, fern von Rentenreform und Rinderseuche. Unten am Meeresgrund muss die Ruhe grenzenlos sein, ewige Stille, nichts als Treiben und Träumen. Plötzlich: "Böööhhh!" Was ist das? Das ist der Gesang der Buckelwale.

Besser gesagt: das Geschrei. Ein ausgewachsener Buckelwal, so haben Fachleute herausgefunden, produziert einen Sound von annähernd 170 Dezibel. Das ist so laut wie ein startender Großraumjet. Noch in 40 Kilometer Entfernung kann man die liebeskranken Bullen zur Paarungszeit röhren und quietschen hören (einschlägige Hörbeispiele unter www.abc.net.au/ science/ scribblygum/sound/whale4.ram). Ob die Weibchen das wirklich anziehend finden, ist noch nicht entschieden.

Vielleicht soll der Radau ja auch nur andere Bullen in die Flucht schlagen. Zweifelsfrei fest stand bislang bloß, dass sämtliche Mitglieder einer Buckelwalgemeinde ein und dasselbe Lied schmettern. Manchmal variieren sie auch eine Strophe, wie es die Amsel tut. Doch niemals sah beziehungsweise hörte man einen südamerikanischen Megaptera novaeangliae dasselbe vortragen wie seinen nordamerikanischen Kollegen.

Nun ist auf einmal nichts mehr, wie es war: Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich das Wal-Repertoire an der australischen Ostküste dramatisch verändert. Zwei Einzelgänger von der Westküste schleppten neues Liedgut ein. Den Ostküstenbewohnern gefiel es offenbar so gut, dass sie ihren Musikgeschmack vollständig änderten. "Das ist", kommentiert der Cetologe Michael Noad von der Universität von Sydney, "ungefähr so, als wenn statt der Beatles auf einmal Punk in Mode käme."

Was will der Wal damit sagen? Viele glauben ja, die Meeressäuger hätten etwas Wichtiges mitzuteilen. Wo das versunkene Atlantis liegt, zum Beispiel. Oder welche die größte aller Primzahlen ist. In Australien herrscht jetzt Sommer, und die Wale sind aus ihrem Winterquartier längst zurück in die Antarktis gezogen. Von dort dringt kein Gesang, deshalb wissen wir nicht, ob sie im nächsten Jahr mit Rasta oder deutschem HipHop wiederkehren.

Hoffen wir einmal, die Finnenflosser sind nicht plötzlich von spongiformer Hirnerweichung gepackt. Was könnten sie mit ihrem rätselhaften Verhalten bezwecken? Der Hinweis, die verkappte Botschaft könnte lauten: Finger weg vom Krill! Alle Shrimps den Buckelwalen! Sonst drohen neue Formen des Wahnsinns.