Er diskutiert, schmiedet Bündnisse, mischt den Wahlkampf auf: So hatten sich Optimisten den Internet-bewehrten US-Bürger vorgestellt. Stattdessen kommt das Neue, wie stets, auf überraschendem Weg. Zum Beispiel so: Im Netz erzählte man sich Witze über die Kandidaten. Fast ein Viertel der Nation saß am Computerbildschirm, lachte über Bush, Gore, deren Ehefrauen und Hillary Clinton. Was Griesgrame als Kolonisierung der Politik durch die Spaßkultur geißeln mögen, versteht Michael Cornfield, Forschungsdirektor des Democracy Online Project der George Washington University, eher als praktizierte Bürgertugend: "Scherze sind eine Form politischer Kommunikation. Mit ihnen unterstützt oder bekämpft man Kandidaten."

Noch wirkungsvoller als die Witze auf den Websites der Wahlkämpfer waren indes ihre E-Mails, sagt Cornfield: "Besonders Journalisten bekamen speziell auf sie zugeschnittene Nachrichten, mehrmals am Tag." Das mag zuweilen des Guten zu viel gewesen sein, aber "pausenlos landeten Argumente und Gegenargumente in den Computern" - alles in allem ein Gewinn für die Debatte.

Mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten nutzte während des Wahlkampfes das Netz als Quelle politischer Information: Darauf weist eine Umfrage hin, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. 14 Prozent der Befragten gaben sogar an, die Online-Informationen hätten ihre politische Entscheidung beeinflusst. Beliebt sind Abstimmungsmaschinen im Netz: Websites wie vote.com und andere, auf denen Bürger abstimmen - zuvor über die Kandidaten, nun über die vielen Gerichtsurteile, die derzeit den Weg zur Präsidentschaft säumen. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat seine Verhandlungsprotokolle ins Netz gestellt und registriert beeindruckende 3,5 Millionen hits pro Tag.

Auf revoteonline.com können die Bürger sogar ein zweites Mal zwischen Bush und Gore entscheiden (und wieder ist das Ergebnis extrem knapp). Das Politikspiel wird zur Freizeitbeschäftigung von Millionen. Außerdem zum Millionengeschäft: Die Teilnehmer hinterlassen ihre Mail-Adresse, Postleitzahl und weitere Daten, an deren Verkauf die Betreiber verdienen. Um das satirische Nachwahl-Spiel Florida Election spielen zu können, muss wiederum erst einmal Software geladen werden - sie ist kostenlos, die Zusatzprodukte sind es nicht.

Politische Bildung online. Cornfield mag Recht haben, dass sich "kein Politiker um diese Abstimmungen schert", doch die Grenzen zwischen Simulation und realer Politik fließen. Im Nachwahlkampf haben sich Aktionsgruppen via Netz zusammengefunden, um die Medien, die Richter und die Politiker beider Lager zu beeinflussen. Vom Protest gegen Wahlbetrug in Florida bis zur Forderung, Gore möge aufgeben - das ganze Spektrum ist vertreten, und es beteiligen sich nicht bloß Aktivisten, sondern auch normale Bürger am Streit der Meinungen, anders als in traditionellen Medien.

Unterdessen haben Politologen und Verfassungsjuristen am Phänomen des Stimmentausches zu kauen: Ist es sinnvoll, und soll es erlaubt sein, dass Wähler per Internet verabreden, Stimmen für den einen Kandidaten in einem Staat gegen Stimmen für den anderen Kandidaten im anderen Staat zu handeln? Nach Ansicht von Michael Cornfield eröffnet dies dem Bürger die Möglichkeit, politische Bündnisse einzugehen. Man könnte einwenden, es werde das Prinzip verletzt, nach dem jede Stimme gleich viel wiegt. Tatsache bleibt: Wähler nutzten das Medium auf innovative Weise, um Politik zu machen. Das ist eine gute Nachricht.