Seit heute morgen scheint ja nun festzustehen, dass George Bush aus dem floridianischen Desaster als Sieger hervorgehen wird. Durch Richterentscheid! Louis Begley wird es ärgern. Heute äußert sich der Schriftsteller im Interview mit Denis Scheck zum Streit über die amerikanischen Wahlen: "Dass ein Kandidat, der landesweit gut und gerne 300.000 Stimmen zurückliegt, sich mit Zähnen und Klauen gegen eine Nachzählung der Stimmen in Florida wehrt, wo sein Vorsprung je nach Zählweise 900, 500 oder 300 Stimmen beträgt, erscheint mir verwerflich. Ich sehe das als Usurpation, als einen Raub - etwas Widerwärtiges und Abstoßendes." Von Bushs Regierungsmannschaft hält Begley auch nicht sehr viel: "Bush umgibt sich mit Gespenstern aus der Vergangenheit - dem ehemaligen Verkehrsminister seines Vaters, Dick Cheney, James Baker und so weiter. Es wird sehr amüsant sein, diese Geisterbahnfahrt mitzuerleben. Eigentlich ist es weniger ein Schattenkabinett als eine sentimentale Reise in die Vergangenheit, denn seine Mannschaft besteht im Wesentlichen aus alten Familienfaktotums und guten Freunden seines Vaters. Im Grunde erleben wir hier die Renaissance des Feudalsystems."

Weitere Artikel: Sylvia Claus erzählt, dass Breslau den Architekten Hans Poelzig wiederentdeckt - eine deutsch-polnische Ausstellung macht's möglich. Georg-Friedrich Kühns hat den Nachruf auf Götz Friedrich geschrieben - die Nachricht vom Tod des Intendanten der Deutschen Oper in Berlin wurde gestern bekannt. Und Alfred Schlienger gratuliert dem Feuilletonisten Reinhardt Stumm zum Siebzigsten.Besprochen werden Maximiliano Guerras "Don Quichotte"-Choreografie in Stuttgart, eine Fotoausstellung über Marilyn Monroe in Potsdam und einige Bücher, darunter eine bisher nur in englisch erschienene Studie der Historikerin Natalie Zemon Davies über "das Geschenk" im Frankreich des 16. Jahrhunderts, die Erinnerungen Adolf Placzeks und eine Neuausgabe von Lessings Briefwechsel mit Eva König.

Süddeutsche Zeitung, 13.12.2000

Bald ist er ja Bundes-, Staats- und Kulturminister, aber noch Kulturrefernt der Stadt München: Julian Nida-Rümelin nimmt Stellung zur Debatte ums Münchner Olympiastadion, das fast verhunzt worden wäre - unter Kollaboration des Architekten, der es einst entwarf. "Murks" sei das nun verworfene "Konsensmodell" für den Umbau des Stadions gewesen, schreibt Nida-Rümelin. "Jetzt, nachdem das Konsensmodell im Konsens gestorben ist, wird sich weisen, wer für sich in Anspruch nehmen kann, wirklich 'Denkmalschützer' (ein irreführender Begriff) zu sein. Es geht um die Bewahrung kultureller Substanz, nicht um Bauhüllen-Konservierung. Allzu oft ist Denkmalschutz nichts anderes als die Bewahrung einer baulichen Hülle, zweckentfremdet und sinnentleert." Nida-Rümelin denkt aber gleich auch über die Stadtgrenzen Münchens hinaus und macht dem interessierten Publikum eine Mitteilung über seine Person: "Ich bin oft gefragt worden, warum ich mich als Philosoph kulturpolitisch engagiere - hier liegt die Antwort: Die Kindheits- und Jugenderfahrung mit der Zerstörung kultureller Substanz und künstlerischer Existenzen. Bauhüllen-Konservierung ist eine Schrumpfform des Denkmalschutzes: Besser als nichts, aber weniger als erforderlich, um die kulturelle Substanz einer Stadt zu bewahren." Und darum engagiert er sich als Philosoph kulturpolitisch.

So richtig aus dem Herzen kommt die Klage Johannes Willms' über die neue Bibliothèque nationale, die er als Bücherfreund wahrscheinlich gern benutzen würde. Aber es geht ja nicht. Drei Jahre nach ihrer Eröffnung funktioniert der Acht-Milliarden-Francs-Bau immer noch nicht richtig: Es ist "eine einzige Serie von Pleiten, Pech und Pannen: Jedesmal, wenn die Hoffnung keimte, man habe die 'Kinderkrankheiten' des hochkomplexen Organismus bemeistert, stellt neues Ungemach sich ein. So erst wieder im Oktober, als ein Kabelbrand das Nervensystem der Bibliothek für Wochen lahm legte."

Claudia Schiffer, deren Bildnis zur Zeit alle großen Fassaden der deutschen Städte ziert, gefällt nicht jedem: "An diesen Bildern wurde alles nachgemalt - die Taille eingeknickt, die Beine länger, die Proportion zwischen Oberkörper und Beinen in Richtung Barbie verändert. Dass Barbie anatomisch nicht laufen könnte, ist bekannt: Claudia Schiffer kann auf diesen Fotos nicht nur nicht laufen, sie kann auch nicht essen und auch nicht sterben - denn sie ist nicht mehr menschlich. Sie ist ein Humandroid, Cyber Barbie, Claudia Cyborg. Claudiborg", schreibt Thomas Hermanns, der Moderator der Sendung "Quatsch Comedy Club" auf Pro Sieben.

Weitere Artikel: Wolfgang Schreiber schreibt den Nachruf auf Götz Friedrich. Reinhard J. Brembeck war dabei, wie Gérard Mortier sein letztes Programm für die Salzburger Festspiele vorstellte ("Vorerst keine Stellung nahm Mortier zu der Nachricht, dass er im Ruhrgebiet ein großes, alle drei Jahre statt findendes Theater- und Musikfestival aufbauen werde").