Das vermutlich wichtigste und zugleich umstrittenste Beweisstück im Lockerbie-Prozess sind winzige Fragmente eines Zeitschalters, der die Explosion im Laderaum der Maschine während des Fluges PA 103 ausgelöst haben soll. Die schottische Polizei ermittelte, dass es sich um einen elektronischen Chronometer vom Typ MST-13 handele, hergestellt von der Schweizer Mebo AG. Die Firma behauptet, Libyen habe wohl 20 dieser Chronometer von ihr bezogen, doch die Lockerbie-Fragmente stammten von einem nicht funktionierenden Prototyp, der nie an Libyen geliefert worden sei. Die Beweisstücke seien mutwillig manipuliert worden.

Die Mebo hat ihre Zentrale im Züricher Novapark Hotel. Die Bezeichnung "Zentrale" hat nur insofern ihre Berechtigung, als man dort die Vielzahl dubioser Kunden und die Angebotspalette der Firma überblickt, die von Spionageutensilien bis zu Immobilien reicht. Ansonsten ist es ein hoch gegriffenes Wort für ein von zwei alten Freunden betriebenes Kleinunternehmen. Mebo steht für Meister & Bollier. Ein Foto der Firmeninhaber von 1970 zeigt die beiden als fröhliche Discjockeys.

Bei ihrem ersten Geschäft mit Libyen ging es um den Verkauf eines Schiffes, das zuvor als Piratensender in der Nordsee dümpelte. Das Schiff wurde offenbar wenig später von den Käufern mutwillig versenkt. Angeblich aus Furcht, es sei mit versteckten Spionageapparaten der CIA ausgerüstet. Den Geschäftsbeziehungen mit der Mebo tat das keinen Abbruch. Die Züricher vermieteten einer libyschen Firma Büroräume in ihrer "Zentrale", die allerdings meistens leer standen. Einer der Gesellschafter des libyschen Unternehmens war der nun im Lockerbie-Prozess Angeklagte Megrahi. Er war es auch, der 1985 die Zeitschalter bestellte. "Stabil" sollten sie sein, "schlagfest, unempfindlich gegen Feuchtigkeit und auf große Zeiträume einstellbar". Ein Mebo-Ingenieur stellte sie her. Die technisch komplizierten "Leiterplatten" bezog er von einer Firma namens Thuring AG. Die MST-13 sind gleichwohl einzigartig. Man kann sie auf bis zu 9999 Minuten oder 9999 Stunden justieren. Firmenchef Bollier persönlich lieferte sie beim militärischen Sicherheitsdienst (JSO) in Tripolis ab. Er sah bei Probezündungen auf einem militärischen Testgelände zu.

Mit Megrahi verhandelte die Mebo auch über den Verkauf von Antennen für das Gebäude der JSO. Zum Angebot des Unternehmens gehörten außerdem mit ferngesteuerten Bomben ausgerüstete Aktentaschen und Pager von Motorola und der Schweizer Telekom, die zu radiogesteuerten Sprengkapseln umgebaut waren. Dafür interessierte sich auch die Stasi, sie kaufte Sprengkapseln vom Typ Motorola PageBoy 2, Zeitschalter vom Typ MST-13, einen Lügendetektor. Bollier wurde von der Stasi unter dem Decknamen Rubin geführt. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Behörde sagte vor dem Gericht in Zeist aus, man ging in Ost-Berlin davon aus, dass die Schweizer auch Geschäftsbeziehungen zur Eta und zur IRA unterhielten.

Die Schweizer Herren taxieren den Preis eines MST-13 auf etwa 1000 Schweizer Franken. Die Libyer winkten mit einem Großauftrag von - Bollier ist sich nicht mehr ganz sicher - 1500 oder 15 000 Stück. Sie benötigten die Uhrenwaffe im Krieg gegen den Tschad, habe es geheißen. Bollier reiste drei Tage vor der Explosion der PanAm-Maschine nach Tripolis, diesmal mit 40 Olympus-Zeitschaltern, da keine MST-13 zur Verfügung standen. Die Lieferung wurde als "unbrauchbar" zurückgewiesen. Zwei Tage danach flog er nach Hause, wenig später schrieb er der CIA, Ghaddafi stünde hinter dem PanAm-Anschlag. Im Februar 1991 schrieb der andere Firmenchef Meister (auf künftige Geschäfte hoffend) an seine libyschen Kontaktleute, er habe vor der Polizei ausgesagt, die Mebo hätte die fraglichen Schaltuhren nach Beirut geliefert.

Inzwischen hat die Züricher Uhrenfirma weitere Geschäftszweige aufgebaut. Sie verfasst "genauestens recherchierte Untersuchungsberichte" über die wahre Absturzursache der Maschine, die "klar beweisen", dass alles ganz anders war, als Staatsanwaltschaft und auch Verteidigung behaupten. Die Firma unterhält außerdem eine Abteilung mit dem Kürzel CEMD für Coordination and Evaluation of Media-inflicted Damages, die den zugefügten Schaden für Medienopfer "auf strikter Kontingenzbasis" - was immer das bedeuten mag - evaluiert und die Geschädigten an Rechtsexperten vermittelt. Die Vergütung ist erfolgsorientiert. Als Mebo Ltd - Telecommunication bieten die Uhrenmacher "10 Millionen Dollar Belohnung für Informationen und Beweise über das Lockerbie-Desaster".